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  31.08.2005  15:04   +Feedback

Von Tempelhof nach Teheran

Ich bin nicht schwul und verkehre nicht in Leder-Fetisch-Kreisen. Trotzdem an dieser Stelle ein leidenschaftliches Plädoyer für alle Teilnehmer am "Folsom Europe Treffen" in Berlin. Auf niederträchtigste Art und Weise wird mit dem "gesunden Volksempfinden" im Rücken wird derzeit von Seiten der Berliner CDU gegen dieses schwule Leder-Fetisch-Festival Stimmung gemacht kann. Selbst Springer-Blätter sind sich nicht zu schade, ein "Berliner Institut für Faschismus-Forschung und Antifaschistische Aktion e.V." aus Kreuzberg zu zitieren, das weder im Internet noch im Telefonbuch zu finden ist, um Wowereit zu schaden, der für den Flyer des Festivals ein Grußwort geschrieben hat. Ausgerechnet "Linke", die eine Verschwörungstheorie von "rassistischer Vergewaltigungspornographie" in die Welt setzen, die bei diesem Festival angeblich bedient werden, dienen dem "Mann auf der Straße" und der CDU-Opposition als Kronzeugen, um gegen Wowereit vorzugehen, der Berlin endlich etwas gibt, was man mit Geld gar nicht bezahlen kann: Ein weltoffenes Image. CDU-Fraktionschef Nikolas Zimmer lässt sich zu folgender Aussage hinreißen: "Es ist bezeichnend, daß er (Wowereit) den Religionsunterricht auf den Schulen drängt, sich aber für derartige Veranstaltungen hergibt – nach dem Motto ,Peitschenhiebe und Sadismus statt Menschenwürde und Nächstenliebe." Menschenwürde? Willkommen im antiwestlichen Mittelalter! Selbstbestimmte Sexualität von erwachsenen Menschen (auch, wenn die Mehrheit – mich einbegriffen – andere Vorlieben haben mag) als Gegensatz zu Menschenwürde und Nächstenliebe zu brandmarken, ist widerwärtige Doppelmoral aus dem tiefsten Teheran: Zuhause besoffen die Frau verprügeln, aber Leute als Sadisten hinstellen, die ihren Partner zu beiderseitigem Vergnügen ans Bett fesseln. Nicht genug damit, der übliche Nazivergleich muss natürlich auch noch kommen. Ausgerechnet jene Berliner CDU, die vor einem Vierteljahr noch knietief im revisionistischen "Wir- Deutsche-waren-doch-auch-Opfer-der-Roten-Armee"-Sumpf steckte, läßt nun in Person des Abgeordneten Michael Braun mündlich im Abgeordnetenhaus anfragen, ob "an Nazi-Uniformen erinnerndes Lederzeug" und "Bilder von an Ketten geführten Menschen" zur
propagierten "Lebensfreude pur" gehörten. Abgesehen von der einfachen Antwort ("Für manche Menschen offenbar: ja!"), muss man sich das mal auf der Zunge zergehen lassen. Vertreter einer Szene, die unter den Nazis vergast und erschossen worden wären, müssen sich von einem Berliner Lokalpolitiker als Nazi-Wiedergänger und potentielle Gewaltverbrecher hinstellen lassen, weil sie eine andere Vorstellungen von einem erfüllten Sexualleben haben. Nach dieser dummdreisten und diskriminierenden Logik war die Gestapo nur eine Gruppe von S/M-Liebhabern. Das ist wie "Heuschrecken"-Propaganda – diesmal gegen Leute, die sich wirklich nicht wehren können. Soll das der "Wechsel" sein, der Deutschland am 18. September erwartet: Die öffentliche, moralische Beurteilung von anderer Leute Nachtwäsche? Es gibt weiß Gott genug zu kritisieren an Wowereit und seinem rot/roten-Senat – aber ein harmloses 0815-Grußwort für eine kleine, bizarre Schwulenparty nun gerade nicht. Ich bin sehr gespannt, wie sich diejenigen in Berlin verhalten, die sich "Liberale" nennen. In diesem Sinne, liebe Fetischfreunde: Ein Toast auf die offene Gesellschaft! Striemen statt Gasastreifen!

Die Presseerklärung der Veranstalter im Internet:
http://www.folsomeurope.com/pressreleases.php?press=1&language=g

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