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  01.-1.2005  01:01   +Feedback

Plisch und Plum in der Freundschaftsfalle

Wie Rupert Neudeck und Norbert Bluem "Wiedergutmachung" leisten

Der grossartige Wolfgang Pohrt, von dem man letztens wenig hoert, hat vor Jahren geschrieben, seit dem Holocaust seien die Deutschen am liebsten damit beschaeftigt, aufzupassen, dass ihre Opfer nicht rueckfaellig werden. Das gilt vor allem fuer die Juden, die Lieblingsopfer der Deutschen. Und deswegen kann man immer wieder in allen moeglichen Arbeiten zum Nahostkonflikt lesen: “Wir Deutschen haben aus der Geschichte gelernt, aber wie steht es um die Juden bzw. Israelis? Was haben die aus der Geschichte gelernt? Warum wollen sie nicht begreifen, dass man anderen das nicht antun darf, was einem selbst angetan wurde?”

Es stimmt, die Juden bzw. die Israelis sind wirklich erfahrungsresistent und extrem lernunwillig. Statt sich freiwillig und praeventiv aus der Geschichte zu verpissen, bestehen sie darauf, dass sie nicht nur leben wollen, sondern auch das Recht haben, sich als Territorialnation zu organisieren. Obwohl sie im Laufe von 2ooo Jahren als Nomaden so gute Erfahrungen mit der Gastfreundschaft ihrer Wirte gemacht haben.

Und deswegen sind es immer wieder Deutsche, die durch die Volkshoch-schule der Geschichte gegangen sind, die den Juden bzw. den Israelis sagen, was sie alles falsch machen und wie sie es richtig machen muessten. Die Liste der Ratgeber ist lang, und sie wird immer laenger. Jetzt ist ein neuer dazu gekommen: Dr. Rupert Neudeck, der Gruender von |”Cap Anamur”. Neudeck hat Tausenden von Menschen das Leben gerettet, deswegen werde ich nie etwas Schlechtes ueber ihn sagen. Ausserdem ist er mit Bruder Immanuel befreundet, und wer mit Bruder Immanuel befreundet ist, der hat bei mir einen dicken Bonus. Aber jetzt ist Neudeck ausgetickt, so wie nur ein guter Deutscher austicken kann, dem im fortgeschrittenen Alter die Last der deutschen Geschichte zu viel wird. Er hat ein Buch ueber den Nahost-Konflikt geschrieben: “Ich will nicht mehr schweigen”. Darin heisst es u.a.:

„Wir Deutschen sind in unserem ernsten Bemühen, Schuld abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israels hineingeraten.
Freundschaft kann man nicht aus der Vergangenheit ableiten. Freundschaft muss etwas sein, das aus der Anstrengungen beider Partner heraus wächst.
Die Trauer und das Entsetzen über den Holocaust ist das eine. Aber die sklavische Unterstützung der Politik Israels ist etwas anderes. Das eine wird anhalten. Das andere müssen wir möglichst schnell beenden. Dazu waren mir bei meinen Reisen nach Palästina die Bücher des Philosophen Martin Buber ein Vademekum.
Wir haben die Palästinenser vergessen, haben Israels Urteil über sie angenommen, das oft das Urteil von Verachtung ist. Dieses Volk wird seit nunmehr 39 Jahren durch eine Besatzung gequält. Dieses Besatzung wird auch nicht weniger grausam wenn wir immer wieder auf Soldaten stießen, die sich dessen, was sie tun mussten, schämten.“

Es sind nicht “wir Deutschen”, die in der “Freundschaftsfalle” stecken, es ist Rupert Neudeck, dem die Trauer und das Entsetzen ueber den Holocaust das Leben schwer machen. Und da verschafft er sich Erleichterung, indem er auf das historische Verbrechen der Juden verweist, die seit immerhin 39 Jahren ein Volk durch eine grausame Besatzung quaelen, wie ein Sadist sein Opfer, das er in den Keller gesperrt hat, damit man dessen Schreie nicht hoert. Und nicht zu vergessen: 39 Jahre, das ist dreimal so lange wie das Dritte Reich gedauert hat. Neudeck versaeumt es natuerlich nicht, sich auf einen juedischen Zeugen zu berufen, den Philosophen Martin Buber, mit dem er im Buch fiktive Gespraeche fuehrt. Gut, dass wir darueber gesprochen haben! Danach geht es Neudeck schon viel besser. Er fuehlt sich entsklavt.

Freilich: Neudeck liegt nicht ganz daneben. Es ist ein absurder und unhaltbarer Zustand, dass Israel seit 1967 Gebiete besetzt haelt, ohne sich entscheiden zu wollen, ob es sie annektieren oder raeumen will. Statt dessen wird ein wenig annektiert und ein wenig geraeumt, nach dem alten Motto: “A bissel und a bissel gibt a fulle schissel.”

Andererseits koennte Neudeck schon aus Hoeflichkeit erwaehnen, dass die Israelis nicht in die besetzten Gebiete gezogen sind, weil ihnen nach einem Abenteuer zumute war, dass nach palestinensischem Verstaendnis die Besatzung nicht 39 sondern 57 Jahre dauert, weil es nicht um Gaza und Westbank sondern das ganze Ding geht, das auf palaestinensischen Landkarten vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht, dass die politische Fuehrung der Palaestinenser bis jetzt jede Chance, die Besatzung wenigstens in Gaza und der Westbank zu beenden, vergeigt hat - seit dem ersten Camp David Abkommen zwischen Israel und Aegypten im Jahre 1978 bis heute. All das sagt Neudeck nicht, obwohl er nicht mehr schweigen will, denn so etwas koennte sein Selbstgespraech mit Martin Buber stoeren. Deswegen faehrt Neudeck auch nicht nach Darfour, um dort ein therapeutisches Gespraech zu fuehren, denn erstens reicht der Boden der deutschen Geschichte nur nach Palaestina und zweitens gibt es bei den Reitermilizen keinen, der ein Vademecum benutzt, von Geschichte und Philosophie eine Ahnung hat und es mit Neudeck aufnehmen kann.

Das kann nur einer: Neudecks alter Freund Norbert Bluem. Der war mal Minister fuer Arbeit und Soziales, behauptet immer noch “Die Renten sind sischer!”, was in seinem Falle sogar stimmt, weil er das 3o- bis 4o-fache dessen bekommt, womit ein Hartz-4-Empfaenger auskommen muss. Aber Geld allein macht nicht gluecklich, und deswegen hat auch Norbert Bluem sein Herz fuer die Palaestsinenser entdeckt - wenn er nicht gerade beim Mainzer Karneval als aesthetische Provokation in kurzen Hosen fuer Heiterkeit sorgt. Bluem hat das Vorwort zu Nedecks Buch geschrieben, und darin heisst es u.a.:

„Die Gewalt beider Seiten dient nicht der Abschreckung, sondern der Eskalation von Rache. Bei der zu guter Letzt niemand mehr weiß, wer das rad der Gewalt in Bewegung gebracht hat. Neudeck will nicht mehr feige sein. Das ist die Antwort auf die Feigheit vieler Väter, die sich einst duckten, die Augen schlossen und sich davonmachten, als Juden in Deutschland deportiert und massakriert wurden. Der Kampf für Menschenrechte ist eine Art von Wiedergutmachung für die Verachtung der Menschenrechte, die sich Vorfahren von uns schuldig gemacht haben“

Okay, Rad schreibt man auch im Rheinland mit grossem R, und wer so viel Kaese zum Bahnhof rollt, dem sind grammatische Feinheiten wurscht. Woraus es ankommt, ist dies: Neudeck will nicht feige sein. Waehrend die Vaeter wegschauten, was damals mit den Juden gemacht wurde, schaut er genau hin, was die Juden heute machen. Das ist seine Art
der “Wiedergutmachung” fuer die “Verachtung der Menschenrechte, die (sic!) sich Vorfahren von uns schuldig gemacht haben”.

Das ist auch eine schoene Gelegenheit, Mut zu beweisen und Gerechtigkeit herzustellen. Schade ist nur, dass keiner schon eher auf diese Idee gekommen ist. Statt “Wiedergutmachung” an die Juden zu zahlen und Israel beim Aufbau zu helfen, haette die Bundesrepublik einfach ein paar Sozialarbeiter und Bewaehrungshelfer in den Nahen Osten schicken sollen, um den Juden die Rueckkehr in die zivilisierte Gesellschaft zu erleichtern, statt die Politik Israels “sklavisch” zu unterstutzen und damit neue Schuld auf sich zu laden.

Doch jetzt wird alles wieder gut. Plisch und Plum drehen am Rad der Geschichte. Neudeck leistet spaete Wiedergutmachung an den Juden, Bluem macht sich fuer die Menschenrechte der Palaestinenser statt. Den Vorwurf des Antisemitismus kontert er mit der Fesstellung, er koenne kein Antisemit sein, denn er glaube an Jesus Christus, und der sei ein Jude gewesen. -
Ist eben ein alter Witzbold, der Nobbi.

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