Archiv



  01.-1.2005  19:01   +Feedback

Das war’s dann wohl ihr eigentümlich Freien

Die neue Unübersichtlichkeit wabert allerorten. Leider auch dort, wo ich mir ein bisschen mehr kritische Vernunft wünschen würde, bei dem einsamen Häuflein deutscher Libertärer und Radikalliberaler. In dieser Szenerie gedeiht seit einigen Jahren die kleine Monatszeitschrift „eigentümlich frei“, ein munterer Marktplatz der Meinungen im Spektrum zwischen FDP und Anarchismus. In jeder Nummer fanden sich originelle Beiträge wider die deutsche Staatsgläubigkeit und den Ungeist der Bevormundung und Entmündigung. Dazu zählte auch berechtigte Kritik an staatlicher Geschichtspädagogik, die mit ritualisierter antifaschistischer Folklore gegen braune Pappkameraden zu Felde zieht.

Dann kamen die Medienspektakel um Möllemann und Hohmann. Und „eigentümlich frei“ erklärte die beiden zu unschuldigen Opfern des etablierten Politik- und Medienkartells. Ich hatte ein gewisses Verständnis für diese Position, besonders im Falle Hohmann, der – nach meinem Eindruck – nicht wie Möllemann opportunistisch kalkulierend vermeintliche „Tabubrüche“ inszeniert hatte, sondern einfach dummes Zeug geredet. Auch die Reaktion der CDU gefiel mir nicht. Sie erschöpfte sich darin, Hohmann den Mund zu verbieten und künstlich empört zu gackern. Fast niemand machte sich die Mühe, seine falschen Behauptungen zu widerlegen.

Von der Verteidigung der Redefreiheit irrlichterte „eigentümlich frei“ jedoch weiter zu einem gewissen Verständnis für die Thesen Möllemanns und Hohmanns über Israel und Juden. Obendrein fing Herausgeber Lichtschlag damit an, immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen libertären und national-konservativen Anschauungen zu entdecken, wie sie beispielsweise in der Zeitschrift „Junge Freiheit“ vertreten werden. Worin diese Gemeinsamkeiten liegen sollen, ist mir schleierhaft, aber ich tröstete mich damit, dass in jeder Nummer auch die gegenteilige Position zu Wort kam – liberaler Pluralismus eben. Allerdings wurde mit der Zeit immer deutlicher, nach welcher Seite des Meinungsspektrums die Waage sich neigte. Es ist lächerlich, von einer Zeitschrift zu erwarten, dass sie nur Kommentare druckt, die die eigene Sicht bestätigen. Also las ich „eigentümlich frei“ weiterhin (mal mit Freude, mal mit Ärger), und steuerte Artikel und Interviews bei.

Nun ist aber leider der Punkt erreicht, an dem der Frankfurter sagt: „Ebe langt’s“. Doro Müller schickte mir heute einen Link zu der islamfaschistischen Website Muslim-Markt, die von Anhänger der Ajatollah Khomeini betrieben wird. Dort gibt „eigentümlich frei“-Hausautor Arne Hoffmann ein Interview, in dem er neben allerlei anderem Unsinn folgendes sagt: „Unsere Politiker, Journalisten und so manche Wissenschaftler schalten sich freiwillig gleich, um ein Meinungstabu durchzusetzen, dass vielleicht die Vorstufe zu einem Völkermord ermöglicht. Da sich unsere Bürger aber nicht für blöd verkaufen lassen, merken sie schon, das in Israel schlimme Dinge passieren, man sie hierzulande aber nicht entsprechend benennen darf, weil man sonst als Antisemit etikettiert wird.“

Hoffmann macht den Möllemann und formuliert für die Islamfaschisten das Ressentiment, das seit geraumer Zeit in „eigentümlich frei“ rumspukt. Israel ist nicht bedroht sondern eine Bedrohung und in Deutschland darf man das nicht sagen. Noch weiter kann man sich von der Realität kaum entfernen. Wer Umfragen zum Thema Nahostkonflikt ansieht, weiß, dass Hoffmanns Erzählungen keine verfolgte Außenseitermeinung sind, sondern die Vorurteile der großen Mehrheit wiedergeben. Wer ARD und ZDF konsumiert, Stern oder die Süddeutsche Zeitung liest bekommt anti-israelische Polemik und Hymnen auf Arafat und seine Nachfolger im Überfluss, und in allen Abstufungen von moderat bis keifend. Und in anderen Medien ist auch immer noch genügend davon zu finden. Aber man muss nicht mal in die Medien blicken. Ein paar Stichproben im Zug, auf der Party oder in der Kneipe genügen, um die Behauptung zu widerlegen, in Deutschland würde kritische Stimmen gegen Israel oder gegen prominente Juden unterdrückt. Das Gegenteil ist ganz offensichtlich Fakt.

Fragt sich also was Hoffmann und in abgeschwächter Form auch „eigentümlich frei“ treibt, das Große Tabu an die Wand zu malen, das keines ist. Mich würde das nicht weiter jucken, wenn nicht ausgerechnet Menschen, gegen das einzig freie Land zwischen Nordafrika und Pakistan polemisieren würden, die sich selbst als Anwälte von Freiheit und Liberalität betrachten. Ich finde es bedrückend, denn die Zahl der echten Liberalen in Deutschland ist ziemlich überschaubar. Ich weiß nicht in ihren Köpfen abläuft, aber es erinnert mich an die späten sechziger Jahre. Das gab es auch mal eine politische Strömung, die sich als antiautoritär verstand. Sie kritisierte lautstark die bürgerliche Demokratie als Scheinfreiheit, in der „repressive Toleranz“ herrsche. Der Zorn auf die bestehenden (tatsächlich etwas erstarrten und engstirnigen) Verhältnisse steigerte sich bis ein seltsamer Kippeffekt eintrat. Plötzlich begeisterten sich dieselben Leute, die gestern noch nach der ganz großen Freiheit gegiert hatten, für Macht, Disziplin und straffe Organisation. Sie landeten in stalinistisch-maoistischen Sekten. Die gibt es heute zum Glück nicht mehr. Aber es gibt ja noch den Muslim-Markt.

Zum Interview mit Arne Hoffmann (vor dem Lesen besser ein Kotzkübelchen bereitstellen):
http://www.muslim-markt.de/interview/2005/hoffmann.htm

Permanenter Link


Zurück zur Blog-Ansicht (ältere Beiträge)

Zum aktuellen Blog von Die Achse des Guten