Henryk M. Broder 19.12.2005 23:52 +Feedback
Ein Weltbuerger zu Gast bei Freunden
Man kann alles und jeden toppen. Sogar den iranischen Staatspraesidenten.
Johan Galtung ist noch einen Zacken besser als der Irre in Teheran. Der norwegische "Friedensforscher" hat jetzt in Leipzig seinen eigenen Plan zur Loesung des Nahostkonflikts vorgelegt und bei dieser Gelegenheit bedauert, dass die Juden im 3. Reich nicht mutig genug waren. Unser VoKo Walter Schmidt (der echte) war dabei und steht seitdem unter Schock. Hier sein Bericht:
Die Nahostfrage scheint wirklich ein Lieblingsprojekt deutscher u.a.
Akademiker zu sein. Bei optimaler Ausnutzung der Kapazitäten schafft man
es dabei offenbar mit Vorlesung, anschließendem Kolloquium sowie
nachbereitendem Gespräch in der Kneipe jeweils zwei Semesterwochenstunden, d.h. insgesamt sechs, angerechnet zu bekommen, womit das Pflichtdeputat eines Hochschullehrers mühelos abgedeckt werden kann.
Wenn dann noch ein Weltbürger wie Johan Galtung dank der intellektuellen Freiheit und der Zivilcourage der Universität Leipzig zu Gast bei seinem Freund Georg Meggle sein darf, muß die weihnachtliche Vorfreude dieser beiden Akademiker nahezu komplett sein.
Nachdem Johan Galtung vor noch nicht allzu langer Zeit den "Dialog der
Zivilisationen" als geeignetes Mittel gegen den Terrorismus am Beispiel
der Anschläge von Madrid propagiert hatte, widmete er sich heute Abend
einem neuen äußerst originellen Vorschlag zur Lösung der Nahostfrage in
Form einer "Sechs-Staaten-Lösung" in Anlehnung an das Modell der EWG
der fünfziger Jahre.
Wie Meggle bereits in seinem Vorwort andeutete, verbindet ihn mit
Galtung v.a. das Streben nach der Transzendenz, d.h. nach dem Überschreiten von Grenzen bzw. Tabus im akademischen Diskurs.
Die von Galtung propagierte "Sechs-Staaten-Lösung" für den
Nahen Osten (Israel soll sich mit Ägypten, Jordanien, Syrien, dem Libanon und Palästina zu einer "Nahost-Gemeinschaft" mit dem Ziel einer dauerhaften Friedenslösung in der Region zusammenschließen) raeumt
mit der Vorstellung auf, ein solches Bündnis könne nur zwischen halbwegs
demokratischen Staaten funktionieren. Entscheidender, so Galtung, sei der
"Dialog der Zivilisationen" bzw. die strikte Neutralität der beteiligten Staaten im Bereich der Außenpolitik (in Anlehnung an die Schweiz), wobei v.a. Israel sich endlich von den USA emanzipieren müsse.
Daß Israel in diesem Modell sozusagen die Rolle Nazideutschlands
zugedacht wird, d.h. die eines Staates, den es zu demokratisieren gelte,
stieß offenbar keinem der anwesenden Zuhörer unangenehm auf.
En passant entwickelte Galtung dann noch eine neue Verschwörungstheorie
bezüglich des 11. September, indem er behauptete, die Attentäter hätten
v.a. die Kommandozentralen des amerikanischen Geheimdienstes CIA
treffen wollen, weshalb ihr Vorhaben nicht einer gewissen Logik entbehrte.
Überhaupt waren es an diesem Abend eher die Details, die den Auftritt
Galtungs zum offenbar gewollten Tabubruch geraten ließen.
So unterbreitete er in Anlehnung an die jüngsten Vorschläge des
iranischen Präsidenten Ahmadinedschad einen weiteren Vorschlag zur Ansiedlung der Juden in Deutschland, und zwar weder in Schleswig-Holstein, noch im Allgäu, sondern in Baden-Württemberg, da, wie er erst kürzlich selbst nachgemessen habe, dieses Land exakt die gleiche Anzahl von
Quadratkilometern aufweise wie der Staat Israel.
Überhaupt, so Galtung, sei Ahmadinedschad ein großer Pädagoge, denn
seine vielfältigen Vorschläge zur Lösung der Nahostfrage seien natürlich
keineswegs ernstzunehmen, sondern trügen lediglich pädagogischen
Charakter und die Rückkehr zum Verursacherprinzip sei natürlich vollkommen legitim.
Im übrigen hätten die Deutschen, so Galtung, sich im Zweiten Weltkrieg
in manchen Ländern, so z.B. in den Niederlanden, gar nicht so schlimm
daneben benommen, schließlich wurden dort nur ca. 90% (!) aller Juden
vernichtet, weshalb Deutschland heute sozusagen automatisch die
Vermittlerrolle im Nahost-Konflikt zufalle.
In der anschließenden Diskussionsrunde gab Galtung seiner Hoffnung
Ausdruck, daß die USA, nachdem sie in Falludscha offenbar ihr "Stalingrad"
erlitten habe, in den nächsten Jahren der Bush-Regierung nur noch mit
dem Aufräumen des eigenen Hauses beschäftigt sei, so daß sie keine Kraft
mehr haben werde, sich in irgendeiner Form in den Nahost-Konflikt
einzumischen. Damit werde es leichter, so Galtung, die von Natur aus
dickköpfigen und halsstarrigen Juden zur Annahme der von ihm propagierten "Sechs-Staaten-Lösung" zu veranlassen.
Abschließend erneuerte Galtung sein Lob an die Adresse des spanischen
Regierungschefs Zapatero, der nach den Anschlägen von Madrid
bedingungslos vor Al Qaida kapituliert hatte und lobte ausdrücklich den ehemaligen Friedenskanzler Gerhard Schröder wegen dessen ablehnender Haltung zum Irak-Krieg. Allerdings, so Galtung, hätten sowohl Schröder als auch Zapatero die Gelegenheit verpaßt, als konkrete Vermittler der streitenden Verhandlungsparteien ins Geschichtsbuch einzugehen.
Mit dem Zitat des Abends gelang Galtung dann noch die äußerst elegante
Überleitung zum Vortrag des nächsten Referenten im Rahmen von Meggles
Veranstaltungsreihe, dem Politologen Ekkehard Krippendorff, der einst
meinte, den Juden die Schuld an der eigenen Verfolgung und
Vernichtung durch den Nationalsozialismus geben zu müssen, indem er behauptete, die Juden hätten mit einem Sit-In gegen ihre eigene Deportation durch die Nazis kämpfen sollen, statt sich mehr oder weniger kampflos zu ergeben.
Bei Galtung hörte sich das heute Abend so an:
"Die Juden hätten damals ruhig ein wenig mutiger sein sollen. Sie
hätten eine ähnliche Courage zeigen sollen, wie die Montagsdemonstranten um den Leipziger Ring am 9. Oktober 1989. Nur die Rosenstraße reicht eben
nicht!"
In diesem Sinne dürfen wir auf die Fortsetzung des "antizionistischen
Selbstgespräches" Anfang Januar bereits jetzt äußerst gespannt sein.
P.S.: Übrigens, lieber Henryk, rate ich Dir wirklich dringend, Deinen
Vorschlag zur Ansiedlung der Juden in Deutschland endlich
urheberrechtlich patentieren zu lassen, bevor noch weitere Nachahmer wie Galtung u.a. auf den Plan treten.
Schalom aus Leipzig!
