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  02.-1.2005  24:02   +Feedback

Vater, Mutter, Kind – die richtige Geschichte zur richtigen Zeit

Weinachten und Ostern waren schon immer kritische Tage für Juden. Immer wenn das Christkind kommt, müssen sich die Juden dafür rechtfertigen, daß sie noch immer auf ihren Messias warten. Und als man noch nicht Weihnukka"feierte, wie es seit ein paar Jahren der multikulturelle Brauch ist, da
stellten sich viele Juden einen Christbaum in die gute Stube, was heute als Beweis für die geglückte christlich-jüdische Symbiose verstanden wird, obwohl es nur ein Versuch war, bei einer Party mitzumachen, für die man keine Einladung hatte.

Ostern ist noch ärger. Die Zeit der Kreuzigung und Auferstehung des Herrn war immer auch die Zeit der Pogrome. Die Passionsgeschichte wühlte die Gläubigen dermaßen auf, daß sie gar nicht anders konnten als loszuziehen und ein paar Juden totzuschlagen, um sich wieder zu beruhigen.

Und weil die Juden um Ostern herum ihr Pessachfest feiern, verschwanden immer wieder christliche Kinder spurlos, deren Blut von den Juden zur Herstellung von Matzen benutzt wurde. Auch wenn die Kinder wenig später wieder auftauchten, war es für manche Juden zu spät. Sie waren schon tot. So gab es immer einen guten Grund für ein Pogrom.
Es war kein Zufall, daß Mel Gibson seinen Jesus-Film zu Ostern startete – nicht nur, weil die Geschichte an Ostern spielt. Nach der Premiere gab es zwar keine Pogrome, dafür wurde die Debatte, wer Jesus verraten, an die Römer
ausgeliefert und schließlich getötet hatte, neu angekurbelt.

Man kann auch die Uhr danach stellen, daß jedes Jahr kurz vor Weihnachten Geschichten in die Medien kommen, wie schwer es die Christen im Heiligen Land haben – nicht, weil sie von ihren moslemischen Brüdern schikaniert und zur
Abwanderung genötigt werden, sondern weil die Israelis (d.h. Juden) ihnen das Leben zur Qual machen. Auch dieses Jahr gab es eine Vielzahl solcher Geschichten, wobei nie auch nur die Frage gestellt wurde, ob das Ungemach, das die Palästinenser erleben, vielleicht etwas zu tun hat mit dem Risiko, das die Israelis hinnehmen, wenn sie einen Bus benutzen oder in einem Supermarkt einkaufen wollen.

Die schönste Geschichte, wie die Christen im Heiligend Land unter der Herrschaft der Juden leiden müssen, erschien am 18. Dezember auf der Website http:/www.kreuz.net und hieß "Christenverfolgung im Judenstaat".
http://www.kreuz.net/article.2394.html

Schon die Überschrift hätte vor 1oo Jahren für ein Pogrömchen gereicht, wenn es damals schon einen Judenstaat gegeben hätte. Was war geschehen? Hatten jüdische Kerkermeister brave Christenmenschen den Löwen zum Fraß vorgeworfen?
Waren Kirchen geplündert und angezündet worden, wie früher Synagogen? Hatte man christliche Schulkinder gezwungen, koschere Pausenbrote zu verzehren? Weder noch. Passiert war dies:


= Christenverfolgung im Judenstaat
Ein aus Rußland eingewanderter israelischer Staatsbürger wurde von der französischen Justiz als Flüchtling anerkannt, weil seine Familie in Israel religiösen Schikanen ausgesetzt war.

(kreuz.net) Zum ersten Mal ist ein israelischer Staatsbürger von der französischen Justiz als Flüchtling anerkannt worden.
Diese Entscheidung ist ein schwerer Rückschlag für ein Land, das sich gerne als "einzige Demokratie des Nahen Ostens" bezeichnet.
Das Schicksal eines im Jahre 1999 nach Israel eingewanderten Russen jüdischen Glaubens offenbart rassistische und fremdenfeindliche Praktiken auf allen Ebenen der israelischen Gesellschaft und Verwaltung.
Der Bericht der französischen Kommission zu Anerkennung von Flüchtlingen liest sich wie ein Kriminalroman. Weil sie ein Kreuz trug, wurde die Tochter des Antragstellers im Oktober 1999 zur Zielscheibe von Demütigungen durch ihre
Klassenkameraden.
Ihr Vater weigerte sich, seine Tochter zum Judentum zu konvertieren. Deshalb habe die ganze Familie im Januar 2000 in die Stadt Hadera umziehen müssen.
Hadera befindet sich am Mittelmeer 45 km nördlich von Tel-Aviv Jaffa.
Am 23. Oktober 2001 wurde die Tochter Opfer eines Terrorattentats mit schweren Nachwirkungen. Wegen ihrer Behinderung wurde sie von den Klassenkameraden noch zusätzlich diskriminiert. Deshalb weigerte sich das Mädchen im September 2002 in ihre Schule zurückzukehren. Vergeblich bat ihr Vater die Schulbehörde um Hilfe.
Während er und seine Frau im Juli 2002 einen israelischen Paß erhielten, wurde die Staatsbürgerschaft der Tochter verweigert, weil diese christlichen Glaubens sei. Dagegen reichte der Vater im August 2002 in Jerusalem Klage ein.
Seine Bemühungen blieben ohne Erfolg.
Im September 2002 teilten die Behörden der Familie mit, daß die Tochter keine feste, sondern nur eine vorläufige Aufenthaltsberechtigung besitze.
Die Lage der Tochter verbesserte sich ein bißchen, nachdem über sie mehrere Zeitungsartikel veröffentlicht wurden. Im November 2002 erhielt sie einen Behindertenausweis, der ihre Behinderung jedoch nur teilweise abdeckte.
Danach bestätigte der Schulrat dem Vater, daß die Tochter keine israelische Staatsbürgerin sei und daß ihm und seiner Frau das Sorgerecht entzogen werden könne, wenn die Tochter nicht in die Schule zurückkehre.
Dem Vater wurde auch mitgeteilt, daß sich die Probleme lösen ließen, wenn seine Tochter zum Judentum konvertieren würde.
Dank der Hilfe eines Abgeordneten und einer Hilfsorganisation konnte die Tochter im Dezember 2002 in die Schule zurückkehren.
Gleichzeitig bemühte sich der Schulrat, der Familie das Sorgerecht über die Tochter zu entziehen. Am 23. Februar 2003 wurden der Familienvater und seine Frau von der Polizei vorgeladen und über die Familiensituation befragt. Am 15. März 2003 protestierte die Familie dagegen beim Innenministerium. Im April 2003 klagte sie gegen den Schulrat, weil sich die Situation der Tochter verschlimmert habe.
Es folgten Drohanrufe und antichristliche Stellungnahmen mit der Aufforderung, die Klage zurückzuziehen. Vergeblich erstattete die Familie dagegen bei der Polizei Anzeige.
Angesichts der Belästigungen der Tochter schlug auch der Revierchef den Eltern vor, ihre Tochter zu konvertieren. Die Eltern lehnten ab.
Im Juni 2003 wurde der Behindertenausweis der Tochter eingezogen, obwohl sich ihr Gesundheitszustand verschlimmert hatte.
Am 29. Juni 2003 wurde die Mutter vom Schulrat bedroht, falls sie ihre Klage nicht zurückziehen würde.
Am 23. Juli 2003 wurden ihre Pässe von der Polizei eingezogen. Zwei Tage später erfuhr die Mutter, daß ein Gericht ihnen das Sorgerecht entziehen und die Tochter in ein Internat schicken wolle.
Daraufhin floh die Familie, weil sie um ihre Sicherheit fürchte, aus dem Land. Der Familienvater befürchtet, im Falle einer Rückkehr Verfolgung zu erleiden.
In Frankreich stellte die Kommission zur Anerkennung von Flüchtlingen fest, daß der Tatbestand des religiösen Drucks durch die Behörden einen schwerwiegenden Eingriff in die bürgerlichen Grundrechte darstellen und die Familie in einen Zustand der dauerhaften Unsicherheit versetzt habe.
Das habe den Familienvater daran gehindert, im Land seiner Staatsbürgerschaft ein normales Leben zu führen.
"Im Namen des französischen Volkes" entschied die Kommission, daß der Vater berechtigt sei, sich als Flüchtling im Sinne der Genfer Konvention zu betrachten, und anerkennt ausdrücklich seinen Status als Flüchtling. =


Diese Geschichte ist auf den ersten Blick obskur, auf den zweiten hanebüchen.
Die Rede ist fast nur vom Vater und seiner Tochter, die Mutter kommt nur am Rande vor. Nicht erklärt wird, wieso jüdische Eltern eine christliche Tochter haben. Die Familie hat ein schweres Schicksal, ist aber namenlos. Sie mußte nach Hadera 45 km nördlich von Tel Aviv umziehen. Wieso nach Hadera? Ist das der israelische Gulag? Es wird auch nicht gesagt, wo die Familie heute in Frankreich lebt, es wird eigentlich gar nichts gesagt, nur daß zum ersten Mal eine Familie aus Israel in Frankreich politsches Asyl bekam. Blöd dabei ist nur, daß es über diesen Fall weder in israelischen noch in französischen Zeitungen etwas zu lesen gab. Wo also kommt die Geschichte her? Ganz am Ende nennt "kreuz.net" die Quelle:

= Die Information wurde von Danièle Abramovici von der politisch linken ‘Französischen jüdischen Union für den Frieden’ als Rundbrief versandt. =

Nun muß man über "kreuz.net" noch dies wissen. Es ist eine private Website, die in Kalifornien gemacht wird und mit keiner der großen Kirchen etwas zu tun hat. Im Impressum heißt es:

= kreuz.net ist die Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind. kreuz.net akzeptiert ohne Namen eingereichte Informationen und betrachtet es als Ehrensache, die strikte Anonymität seiner Informanten zu wahren. =

kreuz.net veröffentlicht also alles, was die Leser einschicken, anonym und ohne jede Prüfung der Fakten. Daniele Abramovoci von der "Französischen jüdischen Union für den Frieden" (Union Juive Française pour la Paix) ist allerdings in Frankreich keine Unbekannte. Eine Krankenschwester und Gewerkschaftsaktivistin, die an vielen linken Projekten beteiligt ist und von "L’Humanité" oft
und gerne zitiert wird.

Die "Union Juive Française pour la Paix", in der Daniele Abramovici tätig ist, hat eine eigene Website: http://www.ujfp.org/

Doch auf dieser Website wird der Fall der israelischen Familie, die nach Frankreich flüchten mußte, nicht einmal erwähnt. Warum hat Frau Abramovici einen "Rundbrief" verschickt, als wäre das Internet noch nicht erfunden, statt die Geschichte auf www.ujfp.org/ online zu stellen?

Die Geschichte über "Christenverfolgung im Judenstaat" stand am 18.12., also genau eine Woche vor Weihnachten, auf "kreuz.net" Sie war allerdings schon vorher im Netz zu lesen, auf der Site von T.I. Steinberg in einer etwas
ausführlicheren Fassung in der Abteilung: "Wehe dir, Israel!"

" Zum ersten Mal ist ein israelischer Staatsbürger von der französischen Justiz als Flüchtling anerkannt worden – wegen erlittener Verfolgung im eigenen Lande, so die Justiz. Eine Entscheidung, die natürlich ein wenig das Land
‘befleckt’, das sich dauernd als "einzige Demokratie des Nahen Ostens" großtut... "

http://www.steinbergrecherche.com/frisrael.htm

Am Ende der Geschichte bedankt sich Steinberg bei "Daniele Abramovici, Union Juive Française pour la Paix, der den Artikel per Rundbrief versandt hat", was man auch so verstehen kann, daß "Daniele" keine Frau sondern ein Mann ist.

Steinberg war es auch, der den "Text, geringfügig gekürzt, aus dem Französischen übersetzt" und schon am 1. November 2005 online gesetzt hat. Seine französische Quelle war die Seite "Gerechter Frieden im Nahen Osten":

http://www.paixjusteauprocheorient.com/article.php3?id_article=1856

Doch auch in der französischen Originalfassung findet man keine konkreten Anhaltspunkte zur Identität der Familie, die in Frankreich Zuflucht gefunden hat, weil deren Tochter in Israel verfolgt wurde. Die Geschichte bleibt obskur.
So wie der Mann, der sie geringfügig gekürzt und ins Deutsche übertragen hat.
Wer ist T.I. Steinberg? Ein Nebbich.
Auf seine Seite stellt er sich so vor:


= Meine Mutter war Jüdin, ihr Vater hat im KZ Buchenwald gelitten. Der eine Bruder flüchtete mit sechzehn nach England und wurde dort als feindlicher Ausländer interniert. Der andere litt im KZ Theresienstadt, die Schwester im
Arbeitslager. Auch der Vater meines Vaters war Jude. Eine meiner Urgroßmütter, zwei Großonkel und zwei Großtanten wurden im KZ Auschwitz ermordet.

Meine Eltern haben den Nazi-Terror überlebt, und ich konnte im August 1945 geboren werden. Ich besuchte in Berlin das Französische Gymnasium. Das war die
Schule mit dem größten Anteil jüdischer Schülerinnen und Schüler. Ich habe dort, und vor allem in den Ferien, mit Feuereifer Französisch gelernt, später auch Englisch, denn meine Eltern warnten mich: Eines Tages könnte ich gezwungen sein, vor deutschen Antisemiten zu fliehen und im Ausland unterzutauchen. Israel hatte ich als Fluchtort im Blick, zumal entfernte Verwandte und Freunde meiner Eltern dort Zuflucht gefunden hatten. Allerdings war ich seit der Pubertät nicht mehr religiös. Ich habe anderthalb Jahre meines Lebens in den USA verbracht und mich mit Juden zusammen gegen den US-amerikanischen Rassismus und den Vietnam-Krieg eingesetzt. In Deutschland war ich dreizehn Jahre lang Mitglied einer Partei, die politische Heimstatt war für zahlreiche jüdische Widerstandskämpfer und Verfolgte des Nazi-Regimes. Meine Tochter hat in Hamburg im einem Judaica-Verlag gearbeitet und in Berlin im Jüdischen Museum. =


Ein Jude mit lupenreinen Credentials. Fünf Angehörige in Auschwitz ermordet, gegen den US-Rassismus gekämpft und dreizehn Jahre lang bei der DKP mitgemacht. Außerdem hat er über "Angestelltenrationalisierung und Gegenwehr" und "Die Erfolgskontrolle: Freund oder Feind der Kultur?" geschrieben, bevor er seine Leidenschaft für den Nahostkonflikt entdeckte. Seitdem widmet er sich mit
ganzer Seele den Untaten der "Zionisten" und bietet sich als "Referent" an. Ab und zu stellt er sich neben das Heinrich-Heine-Denkmal am Rathausmarkt in Hamburg und liest aus den Werken des großen Harry vor.

Wie "jüdisch" Steinberg ist, hängt freilich davon ab, mit wem er gerade spricht. In einem Interview mit "muslim-markt.de" sagt er:

"Ich bin zum Teil jüdischer Abstammung, aber ich bekenne mich nicht zum Judentum. Ich bin also kein Jude."
http://www.muslim-markt.de/interview/2004/steinberg.htm

Jude oder nicht Jude, Steinberg hat sich viel vorgenommen:

“Ich suche nach Möglichkeiten zum Abbau von Herrschaft und ihrer schließlichen Beseitigung. Israel ist ein Land. Ich kritisiere seine Herrscher. Israels Herrscher, ihr Kapital, ihre Regierung und ihr Staatsapparat, sind verbündet mit denen, die mich beherrschen - teils direkt, teils auf dem kurzen Umweg über die US-Herrscher. Deshalb schenke ich den israelischen Herrschaftsverhältnissen mehr Aufmerksamkeit als zum Beispiel den nordkoreanischen oder iranischen.
Aufgrund meiner Herkunft glaube ich, zum Verständnis speziell der israelischen Herrschaftsverhältnisse beitragen zu können.”

Noch ein Würstchen also, das die dicke Salami im Supermarkt des Weltgeschehens sein möchte. The Jew On Demand, der zum Verständnis der israelischen
Herrschaftsverhältnisse beitragen will, von denen er noch weniger versteht als von den Zuständen in Nordkorea. Aber für einen Auftritt im muslim-markt und eine Übersetzung aus dem Französischen reicht es allemal.

Und so kam die "Christenverfolgung im Judenstaat" pünktlich zum Weihnachtsfest unters Volk. Kaum stand sie auf "kreuz.net", war sie auch schon im "Palästinaportal" von E. Arendt zu lesen.

www.arendt-art.de/deutsch/palestina/

Arendt ist "freischaffender Künstler" und seit 2oo1 "im Unruhestand", da er aber mit seinen Arbeiten weder reich noch berühmt werden kann, weil die Konkurrenz in den Fußgängerzonen besser und mobiler ist, bietet er DSL- und
ISDN-Verträge über seine Website an und macht nebenbei in Weltpolitik. Wie ein Altmetallsammler klaubt er im Internet zusammen, was er über "Palästina" finden
kann und stellt es bei sich online. Zwar kann er keine zwei Sätze hintereinander fehlerfrei formulieren, dennoch tritt er von Iserlohn aus an, der Gerechtigkeit in Palästina zum Durchbruch zu verhelfen. Anders als Steinberg, der alle Herrschaft beseitigen möchte, hat Arendt eine Weile die Idee einer "Weltregierung" unterstützt, den Plan aber inzwischen aufgegeben. Jetzt konzentriert alle Kräfte auf den Nahen und Mittleren Osten.

Arendt hat die "Christenverfolgung im Judenstaat" inzwischen von seiner Website genommen, sie wird aber noch bei Google angezeigt; Steinberg führt sie nicht mehr auf seiner Startseite, der Text ist aber noch direkt abrufbar.
Die Geschichte kursiert nun im Internet wie einst die Mär von den 4.ooo Juden, die am 11.9. nicht zur Arbeit im WTC gegangen sind, weil sie rechtzeitig vom Mossad gewarnt wurden. Es ist die richtige Geschichte zur richtigen Zeit.
Vater, Mutter, Kind auf der Flucht aus dem Heiligen Land. Und die Juden machen wieder die Schurken.

HMB, 24.12.o5

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