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  01.00.2006  13:01   +Feedback

Googeln macht schlau!

Im Namen des Google
Henryk M. Broder und Abi Melzer vor Gericht

Der Richter mußte googeln. Was ist eigentlich Judäophobie? Was anderes als Antisemitismus? Und wie verhält sich beides zum Antizionismus? Um sich in diesen Punkten "schlau zu machen", habe die Kammer im Internet recherchiert, betonte der Vorsitzende Richter Kurth gestern zu Beginn der Verhandlung Broder gegen Melzer und gab damit zu verstehen, daß man sich erstens nach Kräften bemüht habe und zweitens einigermaßen ratlos ist in diesem einmaligen Fall.

Es ging um drei Äußerungen des Publizisten Henryk M. Broder über den Verleger Abi Melzer und seinen Autor Hajo Meyer, mit denen Broder auf der Website achgut.de einen Bericht über einen Meyer-Vortrag kommentiert hatte. Dort nannte er die beiden "Kapazitäten für angewandte Judäophobie", schrieb, sie würden "den Hitler machen" und eine Marktlücke mit "braunem Dreck" füllen. Dagegen hatte Abi Melzer geklagt und eine einstweilige Verfügung erwirkt, um deren Aufhebung sich Broder bemüht.

"Das Frankfurter Landgericht muß also entscheiden, ob ein Jude einen anderen einen Antisemiten nennen darf", resümierte Broder mit unverhohlener Freude an der Komplexität der Situation. Sein Freund Leon de Winter war aus Amsterdam angereist und wunderte sich, daß sich überhaupt ein Gericht mit der Sache beschäftige, das sei doch "Folklore".

Es ist vor allem eine lange und nicht immer komische Geschichte. Henryk Broder und Abi Melzer kennen sich seit vielen Jahrzehnten. In den achtziger Jahren war Melzer der Herausgeber der Zeitschrift "Semit", deren Mitarbeiter Broder war. Im Melzerverlag ist auch ein Buch Broders erschienen. Irgendwann trennten sich ihre Wege, Melzer zog sich aus dem Verlagsgeschäft zurück. Broder nahm an, er handele mit Salzen und Schlammen aus dem Toten Meer. Als er 2002 im Zuge der Möllemann-Debatte wieder von ihm hörte, klang es einigermaßen kraß. Melzer fragte, was Möllemann eigentlich vorzuwerfen sei, und riet Broder per E-Mail, einen Psychiater aufzusuchen, er sei "offenbar geisteskrank". Im Jahr darauf erkrankte Broder lebensbedrohlich, Auch da erreichte ihn eine Mail von Melzer: "Warum bist du überhaupt noch auf dieser Welt, wo doch die UNO, die Völker der Welt, den erneuten Holocaust betreiben wollen." Die Prozeßbeteiligten hätten sich ja "bereits wechselseitig freundliche Grüße" zukommen lassen, kommentierte der Richter den Mailwechsel vom Rande des Wahnsinns. Dann trugen die Anwälte vor, es war der Teil, den Broder später das "Nahostseminar" nannte. Ist es noch normale Kritik an der Politik Israels, wenn der achtzigjährige Auschwitzüberlebende Hajo Meyer die Lage der Palästinenser mit der der Juden in Deutschland vor 1938 vergleicht? Wenn er dann schreibt, Israel habe noch keine Gaskammern, denn "so was tut man nicht", kann man es anders als ironisch lesen? Die präsentierten Auszüge aus dem Buch Meyers "Das Ende des Judentums", in denen er den "moralischen Verfall der israelischen Gesellschaft" beschreibt, könnten jedenfalls an jedem ordentlichen Antisemitenstammtisch tief befriedigt abgenickt werden.

Nach all den Jahren saßen sich Broder und Melzer gestern in einem biederen Verhandlungssaal gegenüber, Broder mit seinem Anwalt scherzend, Melzer zurückgelehnt, leise lächelnd auf die vollen Reihen der Besucher, unter ihnen Salomon Korn und Georg M. Hafner, schauend. "Juden können alles sein, was Nichtjuden auch sind", erklärte Broder der Kammer: "Sie fahren möglicherweise über rote Ampeln, betrügen die Steuer, sind nicht immer nett zu ihrer Frau - und sind eben bisweilen auch Antisemiten. Juden sind ganz normale Menschen." Melzer sei das Beispiel für so eine Entwicklung, obwohl er doch früher "anständige, also pornografische Bücher verlegt habe". "Unter anderem von dir", antwortet der, und Broder: "Das war auch das letzte gute Buch in deinem Programm!"

Broder skizziert die Tradition des jüdischen Selbsthasses, von Theodor Lessing über Karl Marx zu Otto Weiniger und schließt: "Dies ist kein Fall für ein Gericht, dies ist ein Fall für den Analytiker." Und doch muß das Gericht ein Urteil fällen. Melzer empfindet den Vergleich mit Theodor Lessing als Beleidigung: "Lessing schämte sich, ein Jude zu sein, ich bin stolz darauf."

Das Urteil wird am 27.Januar verkündet. Da wird noch viel zu googeln sein. NILS MINKMAR


Text: F.A.Z., 13.01.2006, Nr. 11 / Seite 33


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