Michael Miersch 16.01.2006 17:43 +Feedback
Grimme-Nominierung für Susanne Osthoff - im Ernst
Gastbeitrag von Claudio Casula:
Zuerst glaubt man an einen reichlich verfrühten Aprilscherz: Die bizarren TV-Auftritte Susanne Osthoffs, Ex-Geisel und unbeirrbar bis irre wirkende Orient-Afficionada, sollen für den angesehenen Grimme-Preis nominiert werden. Gut, denkt man, und demnächst verleihen sie Mahmud Ahmadinedschad den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, harhar.
Allein, die vermeintliche Ente war keine: Das Adolf-Grimme-Institut bestätigte einen entsprechenden Bericht des "Tagesspiegels".
Demnach habe, und das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, Osthoff die „Erwartungshaltung der öffentlichen Meinung beispielhaft unterlaufen und damit gezeigt, worin Freiheit wirklich besteht: im Verzicht auf Beifall und Zustimmung anderer.“ Osthoff habe „die Öffentlichkeit polarisiert und ins Nachdenken gebracht wie kein zweiter TV-Akteur im Nominierungszeitraum“.
O tempora, o mores! Zuerst dachten wir ja, Frau Osthoff habe, mit Verlaub, nicht alle Tassen im Schrank, aber bei den erlauchten Herrschaften des Grimme-Instituts scheinen die Regale komplett leergefegt zu sein. Wäre ein derartiges Statement in irgendeinem anderen Land denkbar? Kann überhaupt irgend jemand, der sich mit Medienpolitik und Kommunikationskultur beschäftigt, ernsthaft eine Preisverleihung an eine überspannte Fanatikerin erwägen, die keinen geraden Satz auf die Reihe bekommt und von einem „jüdischen Geheimdienstoffizier“ faselt, wenn sie von Arabern gekidnappt wird?
Wenn dieses Beispiel Schule macht, was haben wir als nächstes zu gewärtigen? Kriegt Armin Meiwes, der Kannibale von Rothenburg, bald eine eigene Kochshow?
Früher definierte André Roussin einen Intellektuellen als einen, der in eine Bibliothek geht, selbst wenn es nicht regnet. Heute kann ein Intellektueller offenbar einer sein, der selbst zum Fernsehen zu blöd ist.
