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  01.00.2006  18:01   +Feedback

Alle gaga außer Abi

Nachdem Arno Lustiger dazu aufgerufen hatte, gegen den geplanten Auftritt von Hajo Meyer in einer Frankfurter Kirche (zusammen mit Rupert Neudeck) am 2o.1. zu demonstrieren, bekam er einen Brief von meinem alten Freund Abi Melzer. Abi ist nicht nur der größte Verleger aller Zeiten (GRÖVAZ), er kennt sich auch in der Geschichte aus, weiß über die Ideologie und die Methoden der Nazis bescheid und nimmt es Arno Lustiger übel, daß dieser früher "mit Klamotten gehandelt" und nichts anderes im Kopf hatte, "als Geld zu machen", während der gute Abi vermutlich alles Geld, das er mit seinen Pornos verdiente, an die UNICEF und die Aktion Sorgenkind überwies. Ja, so ist er, der gute Abi aus Neu-Isenburg, immer für eine Pointe gut, die sich so anhört wie ein durchgeschwitztes Braunhemd riecht.
Hier sein Brief an Arno Lustiger im Wortlaut:

SgHerr Lustiger,

beim nochmaligen Lesen Ihres Briefes fällt mir dieses Detail auf und ich bin, so wie Sie, schockiert zur Kenntnis nehmen zu müssen, wie sehr Sie die Nazi-Ideologie und Nazi-Methoden verinnerlich haben, dass Sie sie jetzt selber anwenden. Und jammern Sie nicht, dass ich Sie mit den „barbarischen Handlungen der Nazis“ vergleiche. Denn abgesehen davon, dass Ihr Freund und Kampfgefährte Henryk M. Broder erst vor wenigen Tagen vor einem Frankfurter Gericht expressis verbis gesagt hat, dass es erlaubt und legitim sei „zu vergleichen“, zwingen Sie mir durch Ihr Schreiben einen solchen Vergleich geradezu auf.

Sie fordern „alle Freunde und Bekannte“ (früher sagte man Kameraden) in guter SA-Manier auf, die von mir geplante Veranstaltung zu stören, „sowohl vor dem Veranstaltungsort, wie auch während der Veranstaltung“ und vergessen nicht daran zu erinnern, dass man die Israel-Fahnen mitbringen soll. Aus der Beschäftigung mit der jüngsten deutschen Geschichte weiß ich, dass die Führer der SA auch ihre Kameraden aufgefordert haben, Veranstaltungen der Kommunisten, Sozialdemokraten und Zeugen-Jehovas zu stören und natürlich die Hakenkreuzfahnen nicht zu vergessen. Das Angenehme und Sympathische an unserer Bundesrepublik ist, dass man so wenige Fahnen sieht, im Gegenteil zu totalitären Regimes wie früher in der UdSSR, in der DDR und im Nazi-Deutschland. Wenn es heute irgendwo Demonstrationen mit Fahnen gibt, dann kann man fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass es Juden sind, die für Israel demonstrieren.

Sie bezeichnen sich als „Überlebender des Holocaust“ und schämen sich nicht einen anderen Überlebenden, der Ihnen in Auschwitz hätte begegnen können, so zu beleidigen statt ihn gegen solch ungeheuerliche Beleidigung durch Henryk Broder in Schutz zu nehmen, der ihn einen „Berufsüberlebenden“ genannt hat. Wie wäre Ihnen zumute, wenn man Sie „Berufsüberlebender“ nennen würde?

Und ganz besonders erschüttert bin ich über Ihre ungeheuerliche Verleumdung und Beleidigung von Rupert Neudeck, ein seit Jahren verdienstvoller und bekannter Mann, der sich für Menschenrechte und humanitären Ziele in der Dritten Welt eingesetzt hat, als Sie noch mit Klamotten gehandelt haben und nichts anderes im Kopf hatten, als Geld zu machen. Ich hoffe, dass es in dieser Republik jemanden außer mir geben wird, der ihn in Schutz nimmt und Sie in Ihre Grenzen verweist. Sie erwecken den Eindruck, dass Sie für sich (und übrigens u.a. auch Henryk Broder) alle Freiheit für Unverschämtheiten in Anspruch nehmen, weil Sie davon ausgehen als Jude unangreifbar zu sein.

Das sind Sie nicht. Wie sagte Herr Broder neulich im Gerichtssaal so treffend: Juden sind wie alle anderen Menschen auch, es gibt Betrüger unter ihnen und solche, die bei rot über die Ampel fahren und es gibt auch Antisemiten unter ihnen. Wie wahr. Aber es gibt auch Nazis unter ihnen, auch das ist wahr, „und ich bin es nicht“. Uns somit ist Herzls Wunsch in Erfüllung gegangen, der von „jüdischen Polizisten und jüdische Verbrecher in einem jüdischen Staat“ träumte.

Und last not least: Sie schreiben „Am Israel chai! Lang lebe Israel!“ Damit bin ich einverstanden, aber nicht auf Kosten seiner Nachbarn und nicht indem man seine Nachbarn tötet. Meine und Hajo Meyers Konsequenz aus Auschwitz ist: Nie wieder Opfer sein aber auch niemals Täter sein. Herr Broder meint aber es macht Spaß Täter zu sein und ich habe nirgends vernommen, dass Sie dagegen protestiert haben.

Im Hinblick auf den Freitagabend wünsche ich Ihnen Schabat Shalom!
Abraham Melzer

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