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  01.00.2006  19:01   +Feedback

Obdachlos in Frankfurt

Aus der FAZ von heute:

Evangelischer Regionalverband sagt Vortrag mit Israel-Kritikern ab
Nach Protesten jüdischer Persönlichkeiten gegen eine ihrer Meinung nach israelfeindliche Veranstaltung am Donnerstag im Dominikanerkloster hat der Evangelische Regionalverband einen entsprechenden Vertrag mit dem Verleger Abraham Melzer gekündigt. Die Begründung lautete, der Regionalverband könne die Sicherheit an diesem Abend nicht garantieren. Die Entscheidung für eine Kündigung des Mietvertrags hat nach Angaben des Pressesprechers des Regionalverbands dessen Vorstandsvorsitzende Esther Gebhardt gefällt.
Vorgesehen war eine Lesung in der Heilig-Geist-Kirche im Dominikanerkloster mit dem holländischen Autor Hajo Meyer, der ein umstrittenes Buch mit dem Titel "Das Ende des Judentums" geschrieben hat. Darin wird unter anderem massive Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern geübt. Als zweiter Autor sollte der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, auftreten und sein Buch "Ich will nicht länger schweigen" mit einem Vorwort von Norbert Blüm vorstellen. Auch in diesem Werk wird die israelische Besatzungspolitik heftig angegriffen. Beide Bücher werden von dem jüdischen Verleger Abraham Melzer aus Neu-Isenburg herausgebracht.
Gegen die Veranstaltung hatten unter anderen die Holocaust-Überlebenden Adolf Diamant und Arno Lustiger protestiert, die sich beide als Historiker einen Namen gemacht haben. Beide hatten sich an die Kirchenleitung gewandt und diese gewarnt, sie biete mit der Vermietung der Kirche judenfeindlichen Bestrebungen ein Forum. Er sei schockiert, daß eine solche Veranstaltung in Frankfurt stattfinden solle, hob Lustiger in einem persönlichen Aufruf hervor und forderte zu Protesten auf. Was als "Veranstaltung für den Frieden" angemeldet worden sei, verspreche, eine haßerfüllte Hetzveranstaltung gegen den Staat Israel zu werden. Die Gastredner Meyer und Neudeck seien einschlägig für ihre Vergleiche zwischen den Verteidigungsmaßnahmen des Staates Israel und den barbarischen Handlungen der Nazis bekannt. Der Moderator der Veranstaltung, Melzer, habe auf ähnlich unrühmliche Weise immer wieder auf sich aufmerksam gemacht. Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Salomon Korn äußerte Vorbehalte. Nach allem, was er von Meyer und Melzer gelesen und hehört habe, sei eine solche Veranstaltung äußerst bedenklich.
Wie zu hören war, planten einige Kritiker des geplanten Lesung Protestbekundungen in und außerhalb der Heilig-Geist-Kirche. Man sei nicht sicher, ob alles friedlich ablaufen werde, hieß es. Offenbar vor diesem Hintergrund befürchtete die Führung des Regionalverbandes, daß es am Freitag zu unschönen Szenen kommen könnte, und kündigte den Vertrag.
Der Publizist Henryk M. Broder führt derzeit am Frankfurter Gericht einen Prozeß gegen Melzer und Meyer. Er hatte die beiden Juden eines aus jüdischem Selbsthaß rührenden Antisemitismus bezichtigt. Daraufhin hatten Melzer und Meyer in einer einstweiligen Verfügung Broder untersagen lassen, diese Behauptung weiterhin zu verbreiten, wogegen der Publizist klagt. Das Urteil im ersten Prozeß in Deutschland, in dem ein Jude für sich das Recht einfordert, einen anderen Juden einen Antisemiten nennen zu dürfen, soll am 27. Januar verkündet werden. (rieb.)

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