Henryk M. Broder 21.01.2006 10:45 +Feedback
Alle feige außer Rupert
Aus der Rhein-Main-Ausgabe der FAZ von heute über eine Demo von gestern abend
"Feige Deutsche, feiger Regionalverband "
Der Autor Rupert Neudeck fühlt sich zensiert - und protestiert vor der Heilig-Geist-Kirche
Um 7 Uhr gestern abend war die Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt zu - verschlossen für Rupert Neudeck, für seinen Verleger Abraham Melzer und auch für seinen Autor Hajo Meyer. Der Evangelische Regionalverband hatte den Mietvertrag gekündigt - weil er die Sicherheit nicht gewährleisten könne, wie die Führung offiziell hatte verkünden lassen. Tatsächlich hatte sich die Kirchenleitung Ärger vom Leib halten wollen, Ärger mit der jüdischen Gemeinde oder zumindest mit bekannten jüdischen Persönlichkeiten in der Stadt, die sich gemeldet und gefragt hatten, wie der Regionalverband denn dazu komme, ausgerechnet eine Kirche für eine in ihren Augen haßerfüllte Hetzveranstaltung gegen Israel zur Verfügung zu stellen.
Rupert Neudeck hat gestern abend nicht gelesen. Doch geschwiegen hat der Autor des Buches "Ich will nicht mehr schweigen. Recht und Gerechtigkeit in Palästina" auch nicht. Vielmehr hat er protestiert: Man wolle ihn daran hindern zu berichten, was er gesehen und gehört habe. Zuerst hat der Gründer von "Cap Anamur" kurz zu 50 Besuchern gesprochen, die vor verschlossener Tür vor dem Dominikanerkloster standen. Zugehört haben ihm auch etwa 20 Demonstranten, offensichtlich junge Juden, von denen zwei tapfer Israel-Fähnchen hochstreckten. "Wir stehen hier, um unseren Protest zum Ausdruck zu bringen", sagte Sacha Stawski, Chefredakteuer der Internet-Initiative "Honestly Concerned": Kritik an Israel sei legitim und auch richtig, Vergleiche Israels mit Nazi-Deutschland seien klarer Antisemitismus.
Viertel nach sieben laufen Neudeck, Melzer, Meyer mit einigen Besuchen durch den Regen zum benachtbarten Kolpinghaus, wo der Melzer-Verlag einen Raum für eine Pressekonferenz gemietet hat. Nachdem Melzer einen jungen Mann, der einen scharfen Satz gesagt und mit der Faust auf den Tisch gehauen hatte, von der Polizei als Störer hatte entfernen lassen, konnte Neudeck endlich seiner "Traurigkeit" ausführlich Ausdruck geben.
Zum ersten Mal, so klagte er, habe er erlebt, daß gegen eine Lesung aus seinem Buch vorsorglich demonstriert werden solle mit dem Ziel, die Veranstaltung zu verhindern. Damit meinte er den Historiker Arno Lustiger, einen Holocaust-Überleben, in Frankfurt allseits geschätzt und bekannt, der zu Protesten gegen die Lesung aufgerufen hatte. Dessen Kritik nannte Neudeck einen "Faustschlag unter der politisch-moralischen Gürtellinie". Lustigers Behauptung, er nehme an einer Hetzveranstaltung gegen Israel teil, sei "die schlimmste Form der Beleidigung". Und dann erzählt Neudeck seinen Zuhörern, warum er sein umstrittenes Buch geschrieben habe: Weil er sich als Konsequenz aus dem Verhalten der Deutschen im Nationalsozialismus die strenge Übung auferlegt habe, nie mehr feige zu sein. Aus Liebe zu Israel schreie er für die Palästinenser, steht in seiner Presserklärung. Freilich geht es gar nicht so sehr um Neudeck, sondern um Hajo Meyer, der mit seinem dezidiert israelfeindlichen Buch "Das Ende des Judentums" Kritik und offenbar auch einen gewissen Haß auf sich gezogen hat. Meyer sei gar nicht für die Lesung angekündigt gewesen, sagt Verleger Melzer. Doch hat er nachweislich E-Mails verschickt, in den er schrieb, Meyer werde sprechen.
Und dieser Meyer, ein von den Nazis aus Deutschland ausgebürgerter Jude, der jetzt Holländer ist, gibt offen zu, daß er Israel mit Nazideutschland vergleiche. "Vergleichen ist nicht gleichsetzen." Immerhin sieht Meyer Parallelen. Und er ist sich auch bewußt, daß er damit ein Tabu gebrochen hat. Doch das habe auch Scharon mit Nazivergleichen getan, sagt er. Und was diesem erlaubt sei, sei auch ihm erlaubt.
Bis hierhin mag Neudeck freilich nicht mitgehen. Er als Deutscher können solche Vergleiche nicht ziehen. Für ihn ist entscheidend, daß man auch und gerade als Deutscher nicht schweigen dürfe, wenn Menschenrechte verletzt würden. Also will er mutig sein, denn: "Feigheit ist der Deutschen, meines Volkes, schlimmster Erbteil."
hans riebsamen
(PS: Ich finde es toll, daß Rupert Neudeck nicht feige sein und nicht schweigen will. Besonders mutig finde sich, daß er es sich zur Aufgabe gemacht hat, darauf acht zu geben, daß die Juden nicht die Fehler der Nazis wiederholen, also nicht rückfällig werden. Noch mutiger wäre es nur, wenn er sich nach Pömmelte in Sachsen-Anhalt begeben würde, wo vor kurzem ein 12jähriger Junge von fünf deutschen Skins krankenhausreif geschlagen wurde, die sich von dem Äthiopier offenbar bedroht fühlten.
Aber dazu hat Neudeck keine Lust und keine Zeit. Er muß sich ja um Juden bzw. Israelis kümmern, die friedliebende Palästinenser schikanieren.
Weiter so, Knecht Rupert!)
HMB
