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  01.00.2006  21:01   +Feedback

Guter Nazi, böse Juden - Hajo Meyer klärt die Ostfriesen auf

EIN STREITBARER JUDE MIT HERZBLUT

Von Petra Herterich
Hajo Meyer geht mit Israel hart ins Gericht / Auschwitz überlebt

Deutschland sei mit seinem schlechten Gewissen viel zu leicht zu erpressen, kritisiert der 81-Jährige im Gespräch mit der OZ. Er diskutierte in Leer mit Oberstufenschülern.

Leer - Hajo Meyer ist ein streitbarer Jude. Einer, der nicht mit Kritik an seinen Glaubensbrüdern in Israel spart. Einer, der sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt. Einer, der jetzt in Leer war und mit Oberstufenschülern der beiden Gymnasien diskutierte : und stritt. Und am Ende beeindruckt war: "Die haben viele kluge Fragen gestellt."

Der 81-Jährige, der jetzt in den Niederlanden lebt, hat Auschwitz überlebt und daraus "seine Lektion" gelernt, wie er sagt: "Nie so werden wie die, die uns das angetan haben." Und genau das ist es, was er den Juden in Israel vorwirft: "Ich weiß, wie es ist, ausgegrenzt zu werden. Bei mir kocht das Blut, wenn ich sehe, wie Leute meines Glaubens das anderen antun."

Vor drei Monaten war er in Palästina, zusammen mit einer europäischen Delegation, der auch Ex-Minister Norbert Blüm und Rupert Neudeck, Gründer von "Kap Anamur", angehörten. "Die westlichen Völker müssen Israel an die Kandare nehmen. Der Staat ist primitiv, militaristisch und korrupt", schimpft Meyer. "Und er hält sich nicht an die Genfer Konventionen." Leider sei gerade Deutschland "erpressbar, mit seinem ewigen schlechten Gewissen", bedauert der 81-Jährige und findet: "Es wurde genug entschädigt." Kein Wunder, dass Meyer in Israel kein gern gesehener Gast ist, sein Buch "Das Ende des Judentums : Der Verfall der israelischen Gesellschaft" dort nicht verlegt wird.

Dabei empfindet er "eine wirkliche Liebe zu beiden Völkern, Israelis und Palästinensern". Meyer ist Mitglied der Bewegung "eine andere jüdische Stimme", die sich kritisch mit dem Zionismus und seinen Folgen auseinander setzt. "Man darf den Zionismus kritisieren : man muss. Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun", ist Meyer sicher.

Das hat er auch den Schülern erzählt. Und von seiner Zeit in Auschwitz. Zehn Monate war er in dem Konzentrationslager. "Länger hätte ich auch nicht überlebt." Seinen 20. Geburtstag hat er "dort gefeiert, wenn man das sagen kann". Er erinnert sich, dass es in all dem Grauen immer noch Menschlichkeit gab. "Ein SS-Mann hat mich zu sich gerufen. Ich dachte, der bringt mich um. Aber er schenkte mir einen ganzen Stapel belegte Brote : leckere SS-Butterbrote, dick mit Wurst belegt."

Hajo Meyer und seine zwei Brüder haben überlebt. Die Eltern nicht: Der Vater starb in Theresienstadt, die Mutter beging Selbstmord.

Ostfriesen-Zeitung, 13.12.05

(PS: Wenn Hajo Meyer eingeladen wird, mit Schülern über das Dritte Reich und den Zionismus zu diskutieren, dann ist im PISA-Land Deutschland alles möglich. Dann wird demnächst ein Mädchengymnasium nach Gina Wild benannt werden und der Kannibale von Rotenburg bei Alfred Biolek sein Lieblingsgericht kochen dürfen. Smacznego!)
HMB

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