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  02.00.2006  01:02   +Feedback

„Gojischer als die Gojim “

Leon de Winter über jüdischen Selbsthaß und den Prozeß zwischen
Henryk M.Broder und Hajo Meyer

Recht und Gesetz sind ein faszinierendes
Phänomen.Dem Gesetz nach dürfen Hajo
Meyer und sein Verleger Abraham Melzer
nicht des Antisemitismus beschuldigt wer-
den.Es gibt allerlei rechtliche Bestimmun-
gen über die Zulässigkeit oder Unzulässig-
keit öffentlicher Qualifizierungen von
Menschen.Daneben aber haben wir unse-
re Alltagswelt,in der wir manches anders
deuten und empfinden,als es uns die küh-
len Regeln des Gesetzes erlauben.
Ein Autor wie Henryk M.Broder geht in
seiner Arbeit immer bis zum Äußersten.Er
betreibt eine Form der literarischen Pole-
mik,die im deutschen Sprachraum einzig-
artig ist,und setzt damit eine jüdische lite-
rarische Tradition aus der Vorkriegszeit
fort,die darin besteht,unaufhörlich anzu-
greifen,zu ironisieren und zu verspotten.
Bei Erscheinungen,die er als antijüdisch
oder antisemitisch oder antiisraelisch emp-
findet,fährt er seine schwersten Geschütze
auf,und die sind nicht ohne.Drei deutsche
Richter – o Ironie!!– haben sich jetzt über
die Frage ausgelassen,ob ein Jude den an-
deren Juden Antisemit nennen darf.
Ich teile Broders Mißbehagen über Figu-
ren wie Hajo Meyer.Meyer hat im fortge-
schrittenen Alter eine neue Laufbahn als
Holocaustüberlebender eingeschlagen und
es damit zu Popularität bei extremen Grup-
pierungen gebracht.Seine Äußerungen
zeugen von einem krankhaften Bedürfnis
nach Aufmerksamkeit für seine vermeintli-
che moralische Überlegenheit,denn letzte-
re bezieht er aus seinem Aufenthalt in den
Vernichtungslagern.Meyer behauptet in
seinen Texten,er habe aus diesem Aufent-
halt gelernt,und er wirft Juden und Israel
vor,sie würden solches nicht in die Praxis
umsetzen.
In meiner Alltagswelt,also nicht der
Welt des deutschen Rechts,ist offensicht-
lich,daß Hajo Meyer und sein Verleger
von extremem Haß auf Israel getrieben
werden.Sie haben sich in das Schicksal
der Palästinenser verbissen und jeden Zu-
sammenhang aus dem Blick verloren.Sie
stellen Anforderungen an Israel,denen
kein Land im Nahen Osten nachkommen
könnte,auch Israel nicht.Sie werfen Israel
und den Juden vor,die Erinnerung an die
Schoa zu mißbrauchen,sie werfen Israel
moralische Erpressung vor.Sie behaupten,
von Antisemitismus in der Welt könne
keine Rede sein,und falls doch,dann
durch Israels Verschulden.
„Die echte,anfängliche Ursache,die pri-
missima causa des Antisemitismus liegt
im Judentum selbst.Als Grundlage des Ju-
dentums dienten unter anderem strenge
Speise-und Verhaltensgesetze.In einer
Welt,in der die Gastfreiheit mit der Kom-
ponente des Anbietens und Annehmens
von Speisen und Geschenken wahrschein-
lich zu den wichtigsten zwischenmensch-
lichen Tugenden gehörte,mußte das Ver-
halten,das die Gesetze der Juden mit sich
brachte,häufig Irri-
tation und sogar
Aggression wek-
ken “,schreibt Hajo
Meyer.Über die
Kritik an Israel und
alle beabsichtigten
oder nicht beab-
sichtigten antizioni-
stischen Bemerkun-
gen hinaus,die
Meyer schon seit
Jahren macht,zeugt
dieser Absatz von
einem kranken
Geist,der den Juden
vorwirft,sie seien
selbst Auslöser für
den Haß,den man-
che gegen sie he-
gen.Fakten hin
oder her,Meyer
wollte unbedingt
eine Ursache für
den Antisemitis-
mus finden,der bei
den Juden selbst
liegt,denn sonst
hätte er nicht die Stellung einnehmen kön-
nen,die er jetzt einnimmt:die des Sehen-
den,des Post-Schoa-Propheten,der das Volk
warnt.Meyer leidet am Propheten-Syn-
drom – wären die Juden nicht selber schuld
an ihrem Unglück,wäre sein Lageraufent-
halt sinnlos gewesen und sein Leben hätte
auf die alten Tage nicht die Intensität,die es
jetzt hat.
Lesen Sie sich den zitierten Absatz noch
einmal genau durch und machen Sie sich
den Wahnsinn bewußt:Der Autor ist ein
betagter Jude,der als Kind durch die Hölle
gegangen ist und darin die Legitimation da-
für gefunden hat,den ärgerlichsten Blöd-
sinn in die Welt hinauszuschleudern.Die-
ser Absatz taugt nichts,die scheinbar histo-
rische Beobachtung wird von keiner einzi-
gen verläßlichen wissenschaftlichen Studie
gestützt.Das ist verworrenes Zeug eines
ängstlichen Mannes,der sich bei Menschen
einschmeicheln möchte,die ihn schlagen
oder verfolgen könnten,weil er womöglich
andere Ernährungsgewohnheiten hat.
Unterschätzen Sie seine Popularität bei
links-und rechtsextremistischen Gruppen
nicht.Für die meisten Juden ist er ein ekla-
tantes Beispiel für jüdischen Selbsthaß und
darin keineswegs einzigartig,doch bei Leu-
ten,die der Meinung sind,daß Israel weg
muß,findet er begeisterten Anklang.
Leider strotzt die jüdische Geschichte
von solchen jüdischen Selbsthassern,Men-
schen,die die jüdische Tradition nicht
mehr ertragen können und gojischer sein
wollen als die Gojim,indem sie sich wie er-
habene,heilige jüdische Lehrmeister auf-
führen.
Meyer ist in den jüdischen Niederlan-
den eine umstrittene Randfigur,aber er
findet Aufmerksamkeit,weil er sich radi-
kal über Israel und Juden äußert,und da
es Nichtjuden gibt,die sich darüber im kla-
ren sind,daß sie derlei nach 1945 nicht
selbst tun können,ist er der willkommene
Alibi-Jude,den man vorschieben kann,der
Jude,der Juden jüdischer macht,als sie es
in den Augen von Antizionisten und Anti-
semiten,auf deren Websites Meyer gern
zitiert wird,ohnehin schon sind.
Meyer beschränkt sich nicht auf Kritik
an Israel.Er kritisiert Art und Intention des
Judentums,in dem,wie er selbst schreibt,
die primissima causa des Antisemitismus
zu suchen ist.Meyer behauptet,im Juden-
tum selbst liege der Keim zum Antisemi-
tismus.Das tun auch Antisemiten (mit die-
ser Äußerung bewege ich mich,glaube ich,
am Rande des nach deutschem Recht Zuläs-
sigen).Durch die Abgrenzung der eigenen
ethnisch-tribalen Werte,so Meyers These,
haben die Juden in einer Welt,die offen
und gastfreundlich war,die Regeln verletzt,
und deswegen werden sie gehaßt.
Ohne diese Abgrenzung würde die Welt
anders aussehen,hätte sich das Judentum
längst aufgelöst,und das ist es vermutlich,
worum es Meyer geht:Er möchte die Bür-
de,Jude zu sein,nicht länger tragen,möch-
te nicht diese lange,unbequeme Tradition
fortsetzen,diese Tradition des sozialen Au-
ßenseiters,des Fragenstellers,des Quer-
kopfs und Revolutionärs,all jener Eigen-
schaften,die Juden im Laufe der Jahrhun-
derte verfeinert haben und denen das jüdi-
sche Volk seine bemerkenswerte Vitalität
und Dynamik verdankt.
Ich glaube,daß die Speisegesetze,die
Einteilung der Welt und die Einführung
von Geboten und Verboten moderne jüdi-
sche Künstler und Wissenschaftler geboren
hat.Moderne Bibelwissenschaftler ver-
treten die Theorie,daß die ersten Hebräer
gebürtige Kanaaniten waren,die dann ver-
mutlich Nomadenstämme aufnahmen,wel-
che ihre Mythen über lange Wanderungen
– den Auszug aus Ägypten – weitergaben..
Diese außerordentliche hebräische mytho-
logische Literatur war es,die die jüdische
Tradition am Leben erhalten hat – in
Büchern.Es zeugt von einer Böswilligkeit,
die an Antisemitismus grenzt (darf ich das
sagen,oder würde ein deutscher Richter es
mir verbieten?),in dieser Tradition den
Keim zu einem virulenten Judenhaß anzu-
siedeln,wie Meyer es tut.
Meyer wirft Juden vor,sie würden das
Leiden anderer bagatellisieren.Ich glaube,
das genaue Gegenteil ist der Fall:Verhält-
nismäßig mehr Juden als Nichtjuden küm-
mern sich um das Los Armer und Verfolg-
ter in der Welt.Meyer behauptet,daß das
„Auftreten der israelischen Armee (...)die
Außenwelt in seiner Erbarmungslosigkeit
schockiert “.Wir wissen alle,daß Meyer
hier die Wirklichkeit verbiegt:Es ist viel-
mehr schockierend zu sehen,wie erbar-
mungslos arabische Tyrannen auftreten,
wie erbarmungslos zum Beispiel im Sudan
Hunderttausende,nein,Millionen von
Menschen abgeschlachtet werden,ohne
daß sich die Welt darum schert.
Während der zweiten Intifada sind un-
gefähr 0,6 Palästinenser pro Tag durch is-
raelische Militärgewalt ums Leben gekom-
men – zum größten Teil handelte es sich
dabei um Männer,die selbst Gewalt ausge-
übt hatten.Das ist ein Bruchteil der Zahl
der Verkehrstoten in den besetzten Gebie-
ten (ja,auch für mich sind diese Regionen
„besetztes Gebiet “).Das Leben dort ist karg
und ärmlich,genau wie in den Slums von
Kairo oder Casablanca.Es herrscht Repres-
sion dort,wie anderswo im Nahen Osten.
Soll sich das ändern?Ja.Ich finde,daß
Israel diese Gebiete aufgeben und den Pa-
lästinensern die Chance geben sollte,eine
neue arabische Tyrannei zu errichten.Die
Hamas macht jetzt einen Anfang damit.
Ich habe von Hajo Meyer noch kein
Wort über den Iran und die schon seit Jahr-
zehnten betriebene antisemitische Hetze in
der gesamten arabisch-islamischen Welt
gehört.Ich glaube,er möchte das nicht zur
Kenntnis nehmen,weil diese Erscheinun-
gen sein Weltbild ankratzen.Oder viel-
leicht denkt Meyer:Daß sich diese Iraner so
antisemitisch geben,haben die Juden sich
selbst zu verdanken,das kommt durch
Israel und durch die Speisegesetze.
Meyer ist eine tragische Figur,eine Fi-
gur,die ich mir in einem Roman vorstellen
könnte.In Ängste verstrickt und beflügelt
von dem Bedürfnis,den Hunger und die
Qualen,die er als Kind gekannt hat,in et-
was Positives umzumünzen.Er ist jetzt bei
Leuten beliebt,die Israel Taten zum Vor-
wurf machen,die von anderen Ländern in
weit schlimmerem Maße begangen wer-
den.Er hat eine Theorie über den Ur-
sprung des Antisemitismus.Er fungiert als
Redner bei Zusammenkünften von Israel-
hassern und hat ein Buch mit dem Titel
„Das Ende des Judentums “ geschrieben..
Zugleich facht er den Antisemitismus an,
indem er Israel vom Nahen Osten abgrenzt
und ihm Dinge abverlangt,die er Ägypten
oder Syrien nicht abverlangt.
Natürlich tut er damit,was er den Juden
vorwirft:Juden abgrenzen und die höch-
sten Anforderungen an sie stellen,Anforde-
rungen,denen sie nicht nachkommen kön-
nen,solange der Nahe Osten ist,was er ist,
nämlich eine Region voller Unrecht,Leid,
religiösem Wahnsinn und Rückständigkeit.
Über Eli Wiesel schreibt Meyer mißbilli-
gend:„Er entlehnt seine Autorität der Tat-
sache,daß er Auschwitz überlebt hat.“ Er
wirft Wiesel vor,daß er nichts „über die
Kriegsverbrechen,die von Israelis began-
gen wurden und werden “ gesagt habe..
Ich habe geraume Zeit überlegt,ob ich
Meyer provozieren und ihn einen Antise-
miten nennen sollte.Ich tue es nicht.Ei-
gentlich habe ich Mitleid mit ihm.Ich
überlasse es dem Leser,über ihn zu den-
ken,was er will.Über Gedanken sagt das
deutsche Recht nichts.Und ich denke
manchmal das,was Henryk M.Broder
geschrieben hat und was er qua Richter-
spruch nicht mehr öffentlich äußern darf.

Aus dem Niederländischen von
Hanni Ehlers

C: Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, 2.2.2oo6

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