Henryk M. Broder 06.02.2006 12:41 +Feedback
Worum es wirklich geht - Kampf der Kulturen
Gastbeitrag von Michael Kraa
Die angebliche Empörung über Karikaturen des Propheten wird gezielt als Mittel eingesetzt, um der westlichen Welt einen Kampf der Kulturen aufzuzwingen. Was dadurch unvermeidbar wird, ist eine offene Debatte über Religion, Werte, Toleranz und Respekt, der sich auch der Islam stellen muss.
Die Ausschreitungen im Libanon, in Syrien und in den Palästinensergebieten sollten uns umso mehr zu denken geben, als sie geplant und gelenkt sind.
Was dort geschieht, ist ein weiterer, bewusst kalkulierter Bruch internationaler Spielregeln.
Diplomatische Vertretungen werden angegriffen und der Gaststaat, der für ihre Unversehrtheit sorgen müsste, überlässt sie gezielt der Wut einer blindwütigen und gewalttätigen Menge.
Bürger europäischer Staaten werden von randalierenden Idioten angegriffen, die eine dänische Flagge nicht von einer schweizerischen unterscheiden können, die einen Norweger kurzerhand zu einem Dänen erklären, um ihn anschließend zu jagen und, wie in den Palästinenser-Gebieten geschehen, Hoteliers auffordern, Europäer pauschal abzuweisen – wohl als Geste der Dankbarkeit des palästinensischen Volkes für die jahrzehntelange dreistellige Millionenunterstützung durch die EU.
Was dort geschieht, ist der veritable Versuch einiger Protagonisten vor allem Irans und Syriens, einen Kampf der Kulturen vom Zaun zu brechen, vor dem sich die Europäer bislang immer nur gerne selbst zu warnen pflegten.
Auf die Idee, dass andere einmal diesen Konflikt suchen könnten, waren hierzulande die wenigsten gekommen.
Dabei ist der in dramatischer orientalischer Rhetorik vorgeschobene Anlass zu all dem geradezu lächerlich. Religiöse Gefühle seien verletzt worden, heißt es. Und das aus Ländern, in denen selbst renommierte Zeitungen regelmäßig anti-jüdische Karikaturen drucken, neben denen sich die der dänischen Jyllands-Posten wie Illustrationen eines katholischen Bistumsblatts ausnehmen.
Schmähzeichnungen von kindermordenden und deren Blut trinkenden Juden, die ganz bewusst an alte antisemitische Gräuelmärchen aus dem Mittelalter anknüpfen, finden sich in der arabischen Presse wöchentlich, ohne dass irgend jemand Bedenken hätte, dadurch religiöse Gefühle zu verletzen.
Kein Wunder: Denn das wird nur dann geltend gemacht, wenn die eigene Religion, das eigene Wertesystem betroffen ist – gemäß einem zivilisatorischen Selbstbewusstsein, das wenig außer der eigenen Lebensweise und der eigenen Wertvorstellungen gelten lässt.
Dagegen sollte sich europäische Außenpolitik, bei aller gebotenen Diplomatie, verwahren, will sie nicht noch mehr schräge und demütigende Kompromisse mit der muslimischen Welt eingehen, die ihre Position am Ende nur schwächen.
Wir lassen uns von islamischen Staaten zwingen, unseren Bürgern zwei Reisepässe auszustellen für den Fall, dass sie sowohl nach Israel als auch in muslimische Länder wie Syrien oder den Iran reisen wollen. Mit einen israelischen Stempel im Reisepass werden Europäer bei der Einreise in solche Länder abgewiesen.
Wir könnten dagegen protestieren. Stattdessen stellen wir Zweitdokumente aus.
Das, führen einige an, geschehe doch nur, um dem Außenhandel nicht zu schaden. Einem Außenhandel, den Irans Präsident Ahmedinedschad jetzt mit einem locker dahergesagten Satz zur Disposition stellt, obwohl Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner seines Landes ist.
Da opfert einer etwas, das für ihn uns sein Land weit bedeutender ist als im Umkehrschluss für Deutschland. Und was machen wir? Wir opfern Prinzipien. Israel-Reisende erhalten ihre zwei Pässe, um die Gefühle der arabischen Welt nicht durch den Anblick eines hebräischen Einreisestempels auf der Visa-Seite zu verletzten. Währenddessen faseln wir etwas vom Existenzrecht Israels.
Wir lassen uns im Ausland und selbst in unsereeigenen Ländern als Ungläubige und Kreuzritter beschimpfen, wir dulden, wenn sich Millionen von Menschen bei uns niederlassen und sich bewusst dafür entscheiden, nicht Teil unserer von ihnen als sittlich minderwertig eingestuften Gesellschaft zu werden. Wenn wir überhaupt etwas tun, dann gehen wir zum Karneval der Kulturen und suchen die Schuld bei uns.
Wir sehen zu, wie im eigenen Land parallele Gesellschaftsstrukturen entstehen, deren Gepflogenheiten – etwa im Fall von Fememorden oder bei der Verheiratung minderjähriger Frauen – in krassem Gegensatz zu den eigenen Wertvorstellungen stehen, ohne ihnen heute etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen.
Was wir dafür ernten, ist bestenfalls Verachtung, im schlimmsten Fall aber, dass in einigen muslimischen Staaten Jagd auf unsere Bürger und jetzt auch unsere Diplomaten gemacht wird – organisiert von den selben staatlichen Autoritäten, die anschließend bewusst nichts unternehmen, um den gewalttätigen Pöbel zu stoppen.
Die gegenwärtige Krise ist vielleicht nicht umsonst. Wir sollten sie nutzen und versuchen, mit der muslimischen Welt einen echten, aufrichtigen Dialog zu führen, der nichts ausspart. Mit einem Respekt vor Religion, Kultur und Sitten, den wir allerdings auch von unseren Gesprächspartnern einfordern müssen.
Wenn dies nicht möglich ist, ist es nicht der Mühe wert.
Auch das ist dann eine Erkenntnis.
Der Autor arbeitet in München als Fernsehjournalist für den Bayerischen Rundfunk und hat wiederholt als ARD-Korrespondent aus Israel und den palästinensischen Gebieten berichtet.
