Archiv



  04.00.2006  06:01   +Feedback

Helden zum Nulltarif

Als ich vor Jahren die Irren von Hebron besuchte, traf ich dort einen Mann, der sich durch besonders wilde Sprüche hervortat. Wenn es nach ihm ginge, würde er alle Araber aus Palästina rausschmeißen, dann die säkularen Israelis hinterher schicken, die Demokratie in Israel abschaffen und dafür sorgen, dass an Stelle des Felsendoms der Dritte Tempel gebaut würde. Der Mann lebte mit fünf oder sechs Kindern in einem Container am Rande von Hebron. Die Schäbigkeit seiner Existenz stand im krassen Kontrast zu dem Größenwahn, den er verbreitete. Fragte man ihn, wovon er eigentlich leben würde, wurde er freilich kleinlaut. Er mache hier und dort Gelegenheitsarbeiten, vor allem aber würde er sich „um das Grab“ kümmern. Er meinte das Grab von Baruch Goldstein, der am 25.2.1994 die Machpela in Hebron stürmte und 29 betende Araber massakrierte, bevor er entwaffnet und in Stücke gerissen wurde.

Am Ende der Unterhaltung bat mich der Mann um eine kleine „contribution“, eine Spende für ein „project“, ohne zu erklären, um was für ein Projekt es sich handeln würde. Ich gab ihm den Rat, es mal mit richtiger Arbeit zu versuchen.

Der Mann war mir so zuwider, dass ich ihn bald wieder vergaß. Er stand für nichts da, außer für eine schmarotzerhafte Lebensform, die er mit heroischem Gehabe garnierte. In Tel Aviv hätte er die Straßen kehren müssen, in Hebron konnte er den Helden geben, ohne arbeiten zu müssen. Er setzte jedes Jahr ein Kind in die Welt und machte sich „a Leben“, wenn auch auf einem kläglichen Niveau. Für eine kleine Spende erzählte er den Reportern das, was sie von einem „radikalen Siedler“ hören wollten, und freute sich, am Tag darauf seinen radikalen Unsinn in den Zeitungen nachlesen zu können.

In den letzten Wochen muss Baruch Marzel vor Glück fast irre geworden sein. Er lebt noch immer in einem Container am Rande von Hebron, hat inzwischen neun Kinder aber sonst nix zu tun, denn das Grab des „Märtyrers“ Goldstein wurde schon vor Jahren verlegt. Und da muss er sich eben was einfallen lassen, um nicht im Abgrund des Vergessens zu verschwinden. So kam er auf die Idee, die israelische Armee aufzufordern, den bekannten Friedensaktivisten Uri Avnery umzubringen.

Nun ist es aber so: Ob Baruch Marzel fordert, den Samstag auf den Dienstag zu verlegen, eine Synagoge auf dem Mond zu bauen oder koscheren Wein in den Jordan zu leiten und die Fische besoffen zu machen, ist völlig unwichtig, weil alles, was er sagt oder fordert, nur dummes Zeug ist. Deswegen ist Marzel auf die Hilfe von anderen Gagas und Wichtigtuern angewiesen, die seine Ideen ernst nehmen.

Und so dauerte es nicht lange, bis Rupert Neudeck, Chef der Grünhelme, einen flammenden Appell veröffentlichte: „Uri Avnery darf nicht ermordet werden!“

http://gruenhelme.de/index.php?s=articles/aktuelles&n=253

Um die Sache richtig anzuspitzen, ernannte Neudeck den Penner von Hebron zum „Abgeordneten“ der Knesset. Er zitierte aus einem Brief von Avnery („Ich bin noch am Leben und habe auch die Absicht, es zu bleiben“) und wünsche dem tapferen Freund auf Polnisch „sto lat“ – hundert Jahre, obwohl es auf Hebräisch „ad mea we esrim“ heißt, bis 12o. Aber wer einen Mord an einem Friedensaktivisten verhindern will, der muss sich mit solchen Feinheiten nicht aufhalten, da kommt es auf 2o Jahre mehr oder weniger nicht an.

Neudeck, früher Cap Anamur, heute im fiktiven Unruhestand, war nicht der einzige, der hysterisch austickte. Die Initiatoren des Aachener Friedenspreises schickten einen Brandbrief an den deutschen Außenminister, pax christi Österreich wandte sich an die österreichische Außenministerin, auf den einschlägigen Internetseiten tauschten Avnerys Freunde offene Briefe und Solidaradressen aus.

Und alle waren hellauf empört, dass die israelische Regierung nichts unternahm, um das Leben Avnerys zu schützen, dass sie sich zu dem Vorgang überhaupt nicht äußerte.

Was aber wäre passiert, wenn die Regierung erklärt hätte, sie habe nicht die Absicht, Uri Avnery umbringen zu lassen? Dann wäre der Verdacht zur Gewissheit geworden, denn man weiß ja, wie solche Dementis zustande kommen und wozu sie gut sind: um die Öffentlichkeit zu beruhigen. So war alles, was die israelische Regierung tat oder unterließ, Wasser auf die Mühlen der Avnery-Fans.

Neudeck brachte sich in Stellung, um den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Avnery zu fordern ( diese Trophäe fehlt noch in seiner Sammlung), er forderte außerdem den WDR-Intendanten Fritz Pleitgen auf, aktiv zu werden. Was sollte Pleitgen machen? Nach Israel fliegen und sich vor Avnerys Haus als lebendes Schutzschild aufbauen?

Marzel, von Neudeck voreilig zum „Abgeordneten“ ernannt, fiel bei den Wahlen durch und blieb weit unter den 2% der Stimmen, die für einen Einzug in die Knesset nötig sind. Die Avnery-Nummer hatte ihm nichts genutzt, nur bei den Avnery-Freunden in Deutschland hatte sie eine enorme Wirkung entfaltet.

Zu sagen, es habe einen Sturm im Wasserglas gegeben, wäre schon eine Übertreibung. Es war ein lauer Furz, aus dem ein Fackelzug mit Zapfenstreich gemacht wurde. Mit Baruch Marzel vorneweg und Rupert Neudeck und Konsorten in seinem Gefolge. „Uri Avnery darf nicht ermordet werden!“ Und Rupert Neudeck muss Präsident von Transnistrien werden, damit er seinem Freund Uri eines Tages Asyl anbieten kann.

Permanenter Link


Zurück zur Blog-Ansicht (ältere Beiträge)

Zum aktuellen Blog von Die Achse des Guten