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  09.04.2006  08:06   +Feedback

Pater Rainer will es nicht wissen, die ARD auch nicht

von Ulrich Sahm, Jerusalem

Der Redaktionsleiter des SWR, Uwe Bork, hat in der Neuen Zürcher Zeitung (7. April) die Absetzung eines Filmbeitrags von Uri Schneider zum Thema "Terror gegen Christen" erklärt. Am Freitag von dem Sendetermin, dem 12. März, erhielt er Anrufe eines "deutschen Jesuitenpaters" und von Christen aus Bethlehem. Die fürchteten um ihr Leben, falls ihre Interviews gezeigt würden.

Der von Bork erwähnte "Jesuitenpater" ist in Bethlehem wohlbekannt. Selbst der von der Hamas ernannte Tourismusminister, Tanas Abu Aita, erwähnte immer wieder "Pater Rainer". Abu Aita hat inzwischen sein Amt verweigert, weil ihm deutsche Partner gedroht haben, keine Gruppen mehr in sein Paradise-Hotel zu schicken, falls er Minister der Hamas-Regierung werden sollte.

Es handelt sich um Pater Rainer Fielenbach. Im Gespräch mit diesem Korrespondenten gestand er offen, sich beim SWR für eine Absetzung des Films engagiert zu haben. Fielenbach sagte, dass er nur die "reißerische" Ankündigung des Films gesehen habe. Daraus habe er geschlossen, dass der Film einen "Keil zwischen Moslems und Christen" treiben könnte. Das sei aber zu diesem Zeitpunkt "falsch". Der Film sollte auf den "Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Mohammad-Karikaturen" ausgestrahlt werden und hätte "weiteres Öl ins Feuer gegossen". Der deutsche Pater wandte sich in dem halbstündigen Gespräch gegen eine "Pauschalisierung" der Moslems. Überfälle auf Christen in Bethlehem könnten einfache "kriminelle Vergehen" sein und sollten nicht als Christenverfolgung ausgelegt werden. Der Pater erklärte, dass eine Ausstrahlung des Films "christliche Pilger aus Europa einschüchtern könnten, Bethlehem zu besuchen". Er selber wisse nichts von muslimischen Christenverfolgungen oder Vorfällen, die so ausgelegt werden könnten. "Ich glaube die erst, wenn mir entsprechende Protokolle der Polizei vorliegen", sagte er. Diese Forderung ist freilich absurd, zumal christliche Gewährsleute von einer Beteiligung der (muslimischen) Polizei an Christenverfolgungen erzählen. So sei nach der Beschlagnahme eines christlichen Hauses durch die Polizei eine Abbildung des St. Georg über der Tür abgeschlagen worden. Nach Autounfällen seien Christen ins Gefängnis gesteckt worden, obgleich einwandfrei ein Moslem den Unfall verschuldet hatte. Morde seien nie aufgeklärt worden, wenn Christen die Opfer waren, obgleich die Mörder bekannt waren. Nachweisen lässt sich nichts, weil die Behörden nicht kooperieren.

Bei Treffen mit Christen wird eisernes Stillschweigen bewahrt, wenn Andere dabei sind. Nur im Einzelgespräch und wenn Vertrauen besteht, öffnen sich die verängstigten Christen und erzählen Horrorgeschichten, mit der ausdrücklichen Bitte, sie nicht namentlich zu zitieren.

Pater Rainer hat mehrere Personen in Bethlehem angerufen und gefragt: "Wißt ihr etwas über Christenverfolgungen?" Als die das verneinten, forderte er sie auf, sich an den SWR zu wenden und eine Absetzung des Films zu fordern. Eine dieser Personen sagte in einem christlichen Ort bei Bethlehem: "Ich habe mich geweigert, den Sender anzurufen."

Anlass für die ARD-Reportage war ein Report von Samir Qumsieh, dem griechisch-orthodoxen Inhaber des christlichen TV-Senders "Die Krippe". Der hat angeblich 140 Fälle von Christenverfolgung dokumentiert, darunter Morde, Vergewaltigungen und Landraub. Dieser Report liegt dem Custos der Franziskaner, Pierrebattista Pizzaballa, dem ehemaligen Nuntius im Heiligen Land, Pietro Sambi, und anderen Kirchenführern vor. Doch aus Furcht, dass "eine Veröffentlichung des Reports eine Rache der Moslems gegen Christen auslösen könnte", so der Nuntius Sambi gegenüber diesem Korrespondenten, weigerten sich die Kirchenführer, den Report an Journalisten weiterzureichen, um die Angaben zu überprüfen. Auch Uri Schneider von der ARD hat den Report nicht selber gesehen, wohl aber betroffene Christen befragt.
Uwe Bork warnt in seinem Artikel: "Wenn aufklärender Journalismus mehr und mehr von außen gelähmt zu werden droht, weil die Informationsquellen versiegen, kommt eine gefährliche Entwicklung in Gang. Dass wir als Redaktoren und Reporter unsere Informanten schützen, ist nicht mehr als recht und billig. Dass dieser Schutz so wichtig geworden ist, ist das eigentliche Problem."

Recherchen haben ergeben, dass nicht Christen aus Bethlehem federführend für die Absetzung des Films waren, sondern der deutsche Pater Rainer, der wirtschaftliche und politische Interessen in den Vordergrund stellt: eine Fortsetzung der Pilgerströme und möglichst keinen Keil zwischen Moslems und Christen treiben. Den Film hat er nicht gesehen, sondern nur die Vorankündigung. Er konnte auch nicht sagen, ob tatsächlich die Informanten gefährdet wären. Gegen Ende des Gesprächs gestand er: "Falls es eines Tages keine Christen mehr in Palästina gibt, weil alle geflohen sind, machen auch die Pilgerbesuche keinen Sinn mehr."

Hier der Linkz zur NZZ:

* http://www.nzz.ch/2006/04/07/em/articleDQ38G.html

Immer dickere Mauer des Schweigens

Wie militante Milieus aufklärenden Journalismus behindern

Die Militanz in islamistischen Milieus macht es zunehmend schwieriger, aufklärenden Journalismus zu betreiben. Ein Redaktionsleiter des SWR beschreibt die ungemütliche Lage.

Mancher meinte, gleich mit dem grossen Knüppel zuschlagen zu müssen. So vermutete ein deutscher Jesuitenpater in einem Brief an den Südwestrundfunk (SWR) kurzerhand, dieser Sender müsse vom Heiligen Geist verlassen gewesen sein, als er jüngst einen Film über die Bedrohung palästinensischer Christen durch islamistische Landsleute kurzfristig aus dem Programm nahm. Wohl in der Hoffnung, seiner Philippika weitere Durchschlagskraft zu verleihen, zitierte er Gottfried Benn: «Das Abendland geht nicht zugrunde an den totalitären Systemen, auch nicht an seiner geistigen Armut, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Zweckmässigkeiten.»

Vorwurf der Feigheit

Dass der SWR für seine Dokumentation «Terror gegen Christen», die am 12. März in der ARD ausgestrahlt werden sollte, abrupt die Notbremse zog, rief über die Landesgrenzen hinaus ein grosses Echo aus Pressemeldungen, Zuschaueranrufen und -briefen hervor. Zwar dominierte das Verständnis für den Entscheid, der vom Sender nach intensiven Diskussionen gefällt worden war, doch es wurden auch Stimmen wie die des Paters laut, die uns vorwarfen, feige gehandelt zu haben; man habe kapituliert vor den mobilisierten Massen aus den Moscheen.

Ist dieser Eindruck richtig? Für mich persönlich wurde die Lage am Freitagnachmittag vor der Sendung prekär, als mein Mobiltelefon nicht aufhörte zu klingeln. Es meldeten sich allerdings nicht sinistre Gestalten aus dem Umfeld des Islamismus, sondern christliche Geistliche und Laien aus Bethlehem, die nach ausführlichen Ankündigungen unseres Films in Zeitungen und im Internet eindringlich darum baten, von einer Ausstrahlung zum gegenwärtigen Zeitpunkt abzusehen. Ihre Begründung war einfach: Als unsere im Film teilweise deutlich erkennbaren Kontaktpersonen in den Autonomiegebieten fürchteten sie um Leib, Leben oder zumindest Besitz. Unsere Interviews und Gespräche mit ihnen waren vor der Palästinenserwahl aufgezeichnet worden, und der überraschende Wahlsieg der Hamas veranlasste sie nun, von ihrer Erlaubnis für die Verwendung ihrer Aussagen abzurücken.

Nachdem ich mir bei Kollegen aus Bethlehem, Jerusalem und Tel Aviv Bestätigungen für die Berechtigung dieser Befürchtungen geholt hatte, beschloss die Geschäftsleitung des SWR, den Film zurückzuziehen. Die Gründe formulierte SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen in einer Presseerklärung unmissverständlich: «Für uns besitzt der Schutz von Interviewpartnern, die vertrauensvoll mit uns zusammengearbeitet haben, oberste Priorität.»

Hier könnte meine Darstellung zu Ende sein. Doch es muss alarmieren, dass die Schwierigkeiten um die Dokumentation «Terror gegen Christen» kein Einzelfall sind. Allein in meiner Redaktion (Religion, Kirche und Gesellschaft) gab es in jüngster Zeit zwei ähnliche Probleme.

Bisher nicht einmal ausgestrahlt wurde etwa jenes Porträt einer alles andere als orthodoxen Muslimin aus einer deutschen Grossstadt, die im Titel des Films als «Allahs deutsche Tochter» angekündigt wurde. Obwohl dieser Begriff von uns selbstverständlich bildlich gemeint war, mussten wir ihn auf Wunsch unserer Protagonistin und nach juristischer Beratung in ein unverfängliches «eine deutsche Muslimin» ändern. Unsere Hauptperson hatte angesichts wahrscheinlicher Reaktionen in ihrer muslimischen Nachbarschaft und bei den alles andere als liberalen Moscheen ihres Viertels Sorgen um die Sicherheit für sich und ihre Familie geltend gemacht: nicht im Irak oder in Afghanistan, sondern mitten in Deutschland! Das andere Beispiel betrifft einen Film über das spannungsreiche Verhältnis zwischen koptischen Christen und Muslimen in Ägypten. In Auftrag gegeben als kritische Bestandsaufnahme, wurde er gesendet als zeitloser Kulturfilm. Das Büro unseres Produzenten in Ägypten wurde jedoch von der Geheimpolizei durchsucht, man beschlagnahmte die Computer und filmisches Rohmaterial und nahm den ägyptischen Partner des Produzenten zeitweise in Haft. Der gesendete Film war sicherlich nicht falsch in seinen Darstellungen. Der Not und dem Materialmangel gehorchend, machte er aber genau dort die Augen zu, wo man sie hätte weit aufreissen müssen: vor dem Konflikt zwischen Kopten und Muslimen.

Die Verhältnisse - sprich: die ungeahnte Wucht der religiösen Auseinandersetzungen - haben uns Journalisten in eine Lage gezwungen, in der wir nicht mehr das sagen und zeigen können, was wir eigentlich sagen und zeigen müssten. Nicht, dass wir an unseren Redaktionssitzen in Mitteleuropa selbst bedroht würden, nein, es sind unsere Informanten und potenziellen Interviewpartner, die unverzichtbaren Zeugen unserer Filme, unsere Kollegen und Helfer vor Ort, die in einem Klima leben, das ihnen immer öfter den Mund versiegelt.

«Die Lage nicht noch mehr anheizen»

Konkrete Drohungen, gegen die man vorgehen und die man anprangern könnte, sind dabei in der Regel unnötig. Es reicht meist schon, wenn unsere Gewährsleute persönlich oder in den Medien beobachten können, wie es denen ergeht, die aus der von religiösen oder politischen Hardlinern vorgezeichneten Reihe tanzen, die etwas anderes sagen oder tun als das, was der mehr oder minder verordneten Mehrheitsmeinung entspricht. «Wir haben absolut keine Probleme!» oder «Ich will die Lage nicht noch mehr anheizen» sind vor diesem Hintergrund nur zwei der abwiegelnden Standardsätze, die Kollegen vor Ort zusehends zu hören bekommen.

Mir persönlich wie allen meiner seriös arbeitenden Kollegen geht es nicht darum, vereinfachende Pauschalurteile zu fällen. Den Islam als Religion zu verurteilen, wäre ebenso falsch wie dumm. Immer mehr Journalisten leiden jedoch darunter, dass es schwieriger wird, an die Informationen zu kommen, die für eine kritische und aufklärende Berichterstattung unabdingbar sind, für eine Berichterstattung, die sich nicht darauf beschränkt, nur irgendeine offizielle Linie kritiklos und ohne eigene Recherchen darzustellen.

Dies ist der Zusammenhang, in dem man die Absetzung der Dokumentation «Terror gegen Christen» sehen muss. Wenn aufklärender Journalismus mehr und mehr von aussen gelähmt zu werden droht, weil die Informationsquellen versiegen, kommt eine gefährliche Entwicklung in Gang. Dass wir als Redaktoren und Reporter unsere Informanten schützen, ist nicht mehr als recht und billig. Dass dieser Schutz so wichtig geworden ist, ist das eigentliche Problem.

Uwe Bork

Der SWR wird sich in zwei Sendungen in seinem dritten Fernsehprogramm und in der ARD dem Thema der gegenwärtigen Repression gegen Christen widmen; Sendetermine sind der 25. 4. und der 31. 5.

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