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  18.04.2006  14:19   +Feedback

Freiheit für den Minirock

Der Soziologe Gerhard Schulze hat ein wunderbares Buch über die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde geschrieben. Für alle, die auf den Pfaden der Freiheit wandeln, ein exquisiter Lesegenuss. In der Weltwoche - leider nicht online - preise ich es an.

Ulrike Ackermann
Freiheit für den Minirock
Bei der Wertediskussion hat Gerhard Schulze einen Wert der Aufklärung nicht vergessen: das lustvolle Leben. Her damit!
(Weltwoche, 12.4.2006, Nr. 15/06)

„Wir müssen uns auf die Dinge einigen, auf die es uns ankommt, als da wären: das Küssen in der Öffentlichkeit, ein Sandwich mit knusprigem Speck, Meinungsverschiedenheiten, avantgardistische Mode, die Literatur, Großmut, Wasser, die gerechtere Verteilung der Güter dieser Erde, Filme, Musik, die Gedankenfreiheit, die Schönheit, die Liebe. Das sind unsere Waffen“, schrieb Salman Rushdie kurz nach dem islaministischen Terrorangriff auf das World-Trade-Center am 11. September 2001. Ein wunderbares Plädoyer für das „sündige“ Leben des Westens, für die Sinnesfreunden, die Sexualität, den Genuß, den Konsum und den Minirock.
In der Folge des Streits um die Mohammed-Karikaturen meldeten sich jüngst schwedische Feministinnen mit der Aufforderung an ihre Geschlechtsgenossinnen zu Wort, sich in Zukunft züchtiger zu kleiden - aus Rücksicht auf religiöse Gefühle der muslimischen Bürger im freien Norden. Es handelte sich dabei keineswegs um eine Posse. Diese Anregung zur Selbstzensur, nämlich sich keusch zu geben, war todernst gemeint. Hinterrücks, so steht zu befürchten, schleichen sich in unsere aufgeklärte Moderne Gebote ein, die im jahrhundertelangen, schmerzlichen Säkularisierungsprozeß des Westens überwunden wurden. Die Mißbilligung des Menschlichen, die Verfluchung des irdischen Glücks und die Heroisierung der Askese manifestierten sich über viele Jahrhunderte in den sieben Todsünden: der Unkeuschheit, der Trägheit, der Völlerei, der Habgier, der Hoffart, dem Neid und der Raserei. Der Katalog dieser Hauptlaster des Menschen, die ihn angeblich daran hinderten, Gott nahe zu sein, gehen auf den Mönch Evagrius Ponticus im 4. Jahrhundert zurück. Erst die Aufklärung des 18. Jahrhunderts bescherte dem Menschen das Recht auf ein eigenes, irdisches Leben anstelle des Lebens für Gott. Und die individuelle Freiheit als Folie des privaten Glücks ist gewissermaßen erst das späte Produkt einer kapitalistischen Zivilsation. Auch wenn sich bis heute die Geister darüber streiten, ob schon Rudimente dieses Freiheitsverständnisses in der antiken griechischen Philosophie auszumachen waren.
Inzwischen ist der Westen genötigt, diesen Emanzipationsprozeß in die Freiheit und die Werte und Lebensstile, die daraus erwachsen sind, gegen seine fundamentalistischen Feinde zu verteidigen. Explosiver Haß schlägt ihm entgegen: auf den habgierigen Kapitalismus, auf die Hure Großstadt, die für einen dekadenten Kosmopolitismus steht, auf seinen Geist, bar jeder Spiritualität, wie er in Wissenschaft und Vernunft zum Ausdruck kommt, auf seinen Materialismus und Hedonismus, auf die Sexualität und ihr Urbild, den weiblichen Körper, auf den Gottlosen, der vernichtet werden muß, um den Weg frei zu machen für eine Welt des reinen Glaubens, für die globale Herrschaft des Kalifats. Archaische, vormoderne Denk- und Lebensweisen, die sich am religiösen Kollektiv orientieren, prallen auf moderne, säkularisierte, in denen das Individuum und seine Suche nach persönlichem Glück im Zentrum stehen.
Angesichts dieser für den Westen prekären Lage hat der in Bamberg lehrende Soziologe Gerhard Schulze eine glänzende Verteidigung eben dieses westlichen Lebenstils geschrieben, in dessen normativem Zentrum das nun unter Beschuß stehende Projekt des schönen Lebens steht. Mit luzidem kultursoziologischen Blick und in erbaulich-ironischer Prosa beschreibt er entlang des historischen Schicksals der sieben Todsünden und erhellenden Film- und Literaturbeispielen den Zustand der westlichen Zivilgesellschaft bis in die kleinsten Fugen des Alltagslebens hinein: wie sich die Lust an der Völlerei verwandelt hat in die moderne Angst vor dem Essen, wie aus dem genitalen Tabu ein orales entstanden ist oder wie die moralische Ambivalenz gegenüber der Habsucht sich in den mannigfaltigen Formen der Kultur- und Konsumkritik widerspiegeln. Darüber hinaus praktiziert jeder längst seine eigene Konsumkritik, in dem er die persönlichen Formen des Habens und Wegwerfens, seinen Umgang mit den Dingen reflektiert und revidiert.
Schulze plädiert mutig und selbstbewußt für ein den Traditonen der Aufklärung verpflichtetes westliches Leben und Denken, dem Skepsis, Kritik und Dekonstruktion ebenso eigen sind wie Lebensfreude und Sinneslust. Gegen Gewißheitsapostel und religiöse Eiferer, die die private Kultur dem Gottesstaat und seiner Religionspolizei unterwerfen wollen, setzt er die große säkulare Errungenschaft unserer aufgeklärten Gegenwart, nämlich eine geschützte Privatsphäre, die sich durch Eigensinn, freies Spiel und selbst gesetzte Regeln auszeichnet.
Der Westen hat bisher versucht, den Angriffen gegen ihn auf militärischer, politischer und der Ebene seiner Verfassungsgrundsätze zu begegnen. Doch der Haß und die Attacken auf ihn richten sich gegen seinen Lebenstil - der Westen als ständige Orgie - und seine kollektive Lebensform: die Individualisierung und die Suche nach dem persönlichen Glück im Hier und Jetzt auf dieser Welt und nicht im Jenseits.
Auch der Westen erfuhr im 19. und 20. Jahrhundert eine Renaissance des unaufgeklärten Denkens - in Gestalt der Propheten des Nationalismus, des Kommunismus und des Faschismus, die den Anspruch auf ein eigenes Leben zugunsten des kollektiven Heils in ähnlicher Weise diskreditierten wie in früheren Jahrhunderten die christliche Religion. Doch in den letzten Jahrzehnten wurde das Recht auf ein schönes Leben und persönliches Glück zumindest im Westen nicht mehr grundsätzlich angefochten. Auch wenn inzwischen Parolen der 70er Jahre wie ‚Am Morgen ein Joint, und der Tag ist Dein Freund‘ aus der Mode geraten sind und eine neue Prüderie des Essens zu beobachten ist, die in Lebensmitteln vornehmlich Gift sieht, hat sich der westliche Lebenstil zwischen Lebensgier und Lebensgleichgewicht austariert. Dieses Niveau konnten die Reste protestantischer Genuß- und Lustfeindschaft, Konsum- und Globalisierungskritik nicht ernsthaft erschüttern. Ein abwechslungsreiches Sexualleben, raffiniertes Essen und das Schnäppchen im Internet zählen längst zum Ausweis eines gelungenen und erfüllten Lebens.
Mit der Rückkehr des magischen, religiösen Denkens, das nicht nur dem Islam und islamistischen Fundamentalisten eigen ist, steht der Vorwurf der Sünde und des gottlosen Lebens wieder auf der Agenda. Und der Westen, dem diese Attacken gelten, verteidigt sich bisher vornehmlich auf der Ebene seiner abtrakten Werte und Verfassungsgrundsätze. Er verteidigt bisher nicht deren inhaltlichen Kern: nämlich die individuelle Freiheit, d.h. die Entfaltung der Persönlichkeit, das Ausleben der Gefühle, die Kultivierung des Sinns für Schönheit und die persönliche Suche nach Glück. Doch der Vorwurf der Sünde richtet sich genau gegen diesen Kern des westlichen Lebenstils, der unsere aufgeklärte Gegenwart auszeichnet.
Gerhard Schulze sieht in dieser Herausforderung die Chance einer Selbstreflexion der eigenen Werte des bisher Erreichten und fordert auf dieser Stufe der „gereiften Moderne“ eine neue öffentliche Wertbestimmung des privaten Glücks. Denn ausgebreitet in der Parfumwerbung und Boulevardpresse ist „dessen Ansehen inzwischen auf der Stufe des Ramsch angekommen.“ Auch wenn das schöne Leben lange Zeit unter dem Generalverdacht der Sozialschädlichkeit stand, sind Glück und Würde des Einzelnen Orientierungsbegriffe der Selbstentfaltung geworden. Das schöne Leben ist nicht abtrakt sondern sehr konkret: „es sind körperlich gefühlte Erfahrungen und beglückende Begegnungen, durch die aufgeklärtes Denken als Alternative zu einem Leben der Offenbarungen, Verheißungen und metaphysischen Drohungen erst attraktiv wird.“ In dieser derzeit stattfindenden Konfrontation hält Schulze den ‚Dialog der Weltanschaungen‘ für eine Illusion. Bedrängt von vormodernen Glaubensbekenntnissen sieht er stattdessen die Moderne herausgefordert, sich durch öffentliche Artikulation selbst zu vergewissern und Grenzen zu ziehen: ein Bekenntnis des Westens zu sich selbst, das genug emotionale Anziehungskraft enthält, um mit der zutiefst berührenden Ausstrahlung magischer Glaubensbekenntnisse konkurrieren zu können. Das Buch ist ein wunderbares und leidenschaftliches Plädoyer für das irdische Glück, ein Leben im Diesseits - ohne Todsünden.

Gerhard Schulze, Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde, Carl Hanser Verlag, 250 S., geb., München 2006, 21,50 €

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