Henryk M. Broder 21.01.2005 11:34 +Feedback
arte in Auschwitz
Miersch und ich sind mit dem Auto in Bayern unterwegs, hören Radio und futtern Buletten, die wir in Berlin gekauft haben. Es ist Donnerstag, der 2o. Januar. Bis zur Befreiung von Auschwitz ist es noch eine Woche. Vor 6o Jahren haben die Russen den Job allein erledigt, heuer wollen alle dabei sein, auch arte. Mein Handy klingelt. „Herr Broder, wir machen eine Umfrage zum Thema: Was bedeutet uns Auschwitz heute? Was meinen Sie?“ Ich meine, arte sollte koreanische Filme mit nepalesischen Untertiteln senden und die Finger von Auschwitz lassen. Aber so direkt sage ich es nicht. Ich sage nur, dass ich lieber etwas über das Sexual-leben der Isländer erzählen möchte. Aber daran hat der Mann von arte kein Interesse. Schade.
Jetzt bin ich gespannt, wie die arte-Umfrage ausfallen wird. Ich stelle sie mir so vor:
Wolfgang Thierse: „Ich freue mich auf diesen Tag. Es ist nicht nur ein Tag der Trauer, sondern auch ein Tag der Freude. Am Ende siegt das Gute über das Böse. Aber nur, wenn wir uns immer wieder bewusst machen, dass wir alle in einer Welt leben.“
Sabine Christiansen: „Mir tun vor allem die Kinder leid, die in Auschwitz gelitten haben. Wäre ich damals schon UNICEF-Botschafterin gewesen, wäre ich sofort hingefahren, um mich vor Ort zu informieren.“
Udo Walz: „Jedes Unrecht fängt damit an, dass man allen Menschen dieselbe Frisur verpasst. Dafür, dass dies nie wieder passiert, müssen auch die Friseure sorgen.“
Antje Volmer: „Wenn es 1933 schon das Wahlrecht für Kinder gegeben hätte, wäre Hitler nie an die Macht gekommen. Denn Kinder sind keine Nazis. Und wenn wir heute im Radio mehr deutsche Schlager spielen, graben wir den Rechtsradikalen das Wasser ab.“
Ingrid Newkirk, PETA-Vorsitzende (People for the Ethical Treatment of Animals):
„Wir denken an die Millionen von Tieren, die heute jeden Tag ermordet werden. Auschwitz ist nicht Geschichte, es ist Gegenwart.“
Hartmut Mehdorn: „Menschlich, politisch und moralisch eine Katastrophe. Logistisch freilich eine Meisterleistung – wertfrei betrachtet.“
Gregor Gysi: „Nur eine starke PDS kann den weiteren Sozialabbau verhindern, der in den 3oer Jahren die Massen in die Arme der Nazis getrieben hat und letztlich die Ursache für alles, was danach kam, gewesen ist. Arbeit für alle!“
Norbert Blüm: „Überall und zu allen Zeiten hat der kleine Mann die Zeche bezahlt. Jetzt heißt es aufpassen, dass die Lasten gerecht verteilt werden.“
Paul Spiegel: „Wir deutschen Juden sind loyale Bürger der Bundesrepublik. Aber wir werden nie wieder einem Befehl folgen, der in die Katastrophe führt.“
Harald Schmidt: „Zu Auschwitz fällt mir nichts ein.“
