Hannes Stein 18.06.2006 01:06 +Feedback
Rede in Frankfurt am Main am 17. Juni 2006
((Vorbemerkung: Auf Einladung von "Honestly Concerned" und einiger anderer Gruppen habe ich am Samstag, dem 17.6., in Frankfurt eine Rede gehalten, die ich hier dokumentiere. Dabei habe ich schamlos eine Idee von "Paul 13" geklaut, der den wunderbaren Blog "No Blood for Sauerkraut" betreibt -- für die Lizenz zum Plagiat möchte ich michj bei "Paul 13" an dieser Stelle herzlich bedanken. H.S.))
Schabbat Schalom, meine sehr geehrten Damen und Herren. Eigentlich hatte ich vor, eine ganz normale Rede zu halten. Aber als ich gerade damit beschäftigt war, mir Notizen zu machen, was hier überhaupt sagen soll, klingelte es an meiner Haustür in Berlin. Arglos öffnete ich die Tür und sah mich einer Gestalt gegenüber, die von Kopf bis Fuß in ein schwarzes Gewand gehüllt war. Durch einen schmalen Schlitz schauten nur ihre dunklen Augen heraus. "Salaam aleikum", stieß ich erschrocken hervor, die dunkle Gestalt jedoch blieb stumm. Aus den Falten ihres Umhangs zog sie einen großen Umschlag hervor, den sie mir wortlos überreichte. Mit ihren Glutaugen warf sie mir einen Blick zu, der jedem deutschen Nahostexperten schlaflose Nächte beschert hätte. Dann wandte sie sich brüsk ab und verschwand mit klackernden Absätzen im Treppenhaus.
Den Rest des Abends verbrachte ich damit, den Inhalt des Umschlags zu studieren, in dessen Besitz ich auf so mysteriöse Weise gekommen war. Um es gleich vorwegzunehmen – was mir da in die Hände gefallen ist, halte ich für atemberaubend, um nicht zu sagen: sensationell. An der Echtheit dieses Schreibens hege ich nicht den geringsten Zweifel. Deshalb habe ich mich kurz entschlossen, meine Rede ausfallen zu lassen und Ihnen stattdessen den folgenden Brief vorzulesen:
Seine Exzellenz
Mahmoud Achmadinedschad
Präsident der Islamischen Republik Iran
Teheran
Herrn Hannes Stein in Berlin/Prenzlauer Berg
Per verschleierter Eilbotin
Lieber Herr Stein,
wie meine zahlreichen Spione mir zugetragen haben, wird es am 17. Juni in Frankfurt am Main eine Kundgebung gegen die Teilnahme des Iran bei der Fußball-Weltmeisterschaft geben. Außerdem ist mir zu Ohren gekommen, dass auf dieser Demonstration auch Sie sprechen werden. Ohne Zweifel wird man in Frankfurt allerhand Unfreundliches über mich sagen. So wird man behaupten, ich sei ein Kriegstreiber, ein apokalyptischer Irrer, ein Antisemit, der Israel vernichten will und den Völkermord an Europas Juden leugnet – und bei all dem sei ich im Grunde nichts als eine Marionette des Wächterrats, der die Islamische Republik Iran im totalitären Würgegriff hält. Glauben Sie mir: Es handelt sich um ein groteskes Missverständnis. Bei genauer Betrachtung ist alles ganz anders, als es auf den ersten dummen Blick aussieht. Die Wahrheit ist eben konkret, wie schon Lenin wusste. Aber erlauben Sie mir, etwas weiter auszuholen.
Seit Jahren, lieber Herr Stein, bin ich ein eingeschriebenes Mitglied der demokratischen Opposition im Iran. Diese Eröffnung mag Sie und Ihre Freunde jetzt ein wenig überraschen, aber ich kann Ihnen versichern: Genau so verhält es sich. Nur zum Schein habe ich mich in den siebziger Jahren den "Studenten der Linie Imam Chomeini" angeschlossen. Nur zum Schein habe ich mich 1979 nach dem Sieg der iranischen Revolution unter die Geiselgangster in der amerikanischen Botschaft gemengt. Nur zum Schein habe ich in den achtziger Jahren im Westiran gegen die tapferen Aufständischen von der Demokratische Partei Kurdistans gekämpft. Alles Täuschung, Tarnung, Mimikri! Dass ich 1986 Mitglied eines Sonderkommandos der Revolutionären Garden wurde, war – das müssen Sie selbst zugeben – ein besonders gelungener Schachzug. Nun konnte mich niemand mehr in Frage stellen. Das islamische Regime musste mich ja – im Jargon der Mediziner zu sprechen – ohne Eiweißschock akzeptieren, wie der Körper ein fremdes Herz oder Gehirn akzeptiert, das ihm von kundiger Chirurgenhand eingepflanzt wurde.
Die ganze Zeit aber blieb ich insgeheim den Idealen der liberalen Demokratie treu. Auf der Toilette las ich John Stuart Mills Traktat über die Freiheit, in der Badewanne studierte ich Karl Poppers Klassiker "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Häufig sagte ich mir vor dem Schlafengehen leise den Text der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vor.
Von außen gesehen absolvierte ich eine steile politische Karriere: Mitte der neunziger Jahren hatte ich es immerhin schon zum Provinzgouverneuer in Ardabil gebracht. Aber dann erlebte ich einen herben Rückschlag. Ich hatte die Rolle des tumben Religionsfanatikers wohl zu gut gespielt! 1997 wurde es dem Regime peinlich, mit einem Typen wie mir gesehen zu werden, und so verschwand ich eine Zeitlang im politischen Orkus. Zum Glück ging diese Episode schnell vorüber. Welche Position ich heute innehabe, entnehmen Sie bitte dem Briefkopf meines Schreibens. Gewiss, ich wurde nicht ohne allerhand schmutzige Tricks zum Präsidenten der Islamischen Republik gewählt. Aber in dringenden Fällen gilt auch für mich die utilitaristische Parole, dass der Zweck die Mittel heiligt.
Manchmal wundere ich mich, dass ich nicht längst aufgeflogen bin. Wie meine Spione mir zugetragen haben, hat man bei Ihnen in Deutschland Bücher publiziert, in denen behauptet wurde, das Massaker vom 11. September 2001 sei in Wahrheit das Werk amerikanischer Geheimdienste und des Mossad gewesen. Und diese Verschwörungsbücher, so sagt man mir, sollen auf dem Markt rasend erfolgreich gewesen sein. Warum sind die Herren Verfasser nicht längst auf die naheliegende Idee gekommen, dass mit mir etwas nicht stimmen kann? Schließlich weiß jeder hergelaufene Nahostexperte, dass wir schiitischen Muslime traditionell die Kunst der "taqiya" pflegen, die auf persisch "ketman" heißt: die Kunst der Verstellung. So hat sich das islamische Regime darüber schlapp gelacht, dass der korrupte Pistazienhändler Rafsandschani bei Euch im Westen als gemäßigt galt – schließlich wurde das illegale Nuklearprogramm gerade unter seiner Ägide mit Volldampf betrieben. Auch rief es große Heiterkeit hervor, wenn Ihr mit sogenannten moderaten Kräften den kritischen Dialog geführt habt, während das Regime munter weiter die Hisbollah unterstützte, der Hamas unter die Arme griff, geheime Kontakte zu Al Qaida pflegte und dazu aufrief, den Judenstaat von der Landkarte zu tilgen.
Aber jetzt bin ja ich da. Und ich spucke den Herrschaften kräftig in die Suppe. Ich sage ungefähr alle drei Minuten in die Fernsehkameras "Den Holocaust gab´s gar nicht" und fordere alle fünf Minuten, mit der Vernichtung Israels endlich Ernst zu machen, ich sorge geschickt dafür, dass das geheime Atomprogramm des Regimes nicht aus den Schlagzeilen verschwindet und kultiviere außerdem ein unrasiertes Schmuddelimage. (Angeblich will die Zeitschrift "Cosmopolitan" mich zum "Mann mit dem am schlechtesten sitzenden Anzug des Jahres" wählen. Unter anderem deswegen, weil ich ihn wirklich ein Jahr lang getragen habe.) Kurz und gut, ich tue alles, was in meiner Macht steht – und das ist nicht wenig –, um den Namen der Islamischen Republik Iran vor Gott und den Menschen zum Gräuel zu machen.
Mein Meisterstück in dieser Hinsicht war das Interview, das ich neulich mit Journalisten von Eurem geschätzten Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geführt habe. Ganz recht: Ich führte das Interview, will sagen, ich nahm die Redakteure dees "Spiegel" ordentlich ins Gebet. Ich bestimmte die Themen und quasselte wie ein trüber, brauner Wasserfall, als wollte ich Ehrenmitglied der NPD werden. Sie müssen zugeben: Nach den völlig durchgeknallten Sachen, die ich über fünf Seiten im "Spiegel" ausgebreitet habe, dürfte es auch pazifistischen Gutmenschen schwer fallen, im iranischen Regime noch einen Verhandlungspartner zu sehen. Sie aber, lieber Herr Stein, wissen jetzt, dass ich in jenem Interview alles verhöhnte, woran ich glaube, und mich zu fanatischen Phantasmen bekannt habe, die ich in Wahrheit zutiefst verabscheue.
Doch leider sind diese Bemühungen bisher nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Es gibt etwas am Westen, was wir Perser als Angehörige einer alten und stolzen Kultur nicht verstehen; Ihr seid uns eben doch ziemlich fremd. Nach meinem Zeitplan müssten unsere Diplomaten längst aus sämtlichen demokratischen Ländern ausgewiesen worden sein, und ich hatte fest damit gerechnet, dass spätestens jetzt im persischen Golf ein paar amerikanische und europäische Flugzeugträger aufkreuzen. Doch was passiert in Wirklichkeit? Nichts. Ich drohe und provoziere, ich schreie mir selbstlos die Seele aus dem Leib, ich beleidige die deutsche Bundeskanzlerin gezielt und persönlich, aber Ihr im Westen zuckt nur die Achseln. Und so langsam, ich gestehe es, geht mir die Puste aus.
In meiner Verzweiflung kam mir schließlich die verwegene Idee mit der Fußballweltmeisterschaft. Ich überlegte mir folgendes: Nicht genug damit, dass ich unsere Mannschaft nach Deutschland schicke – ich werde außerdem ankündigen, dass ich vorhabe, sie dort zu besuchen. In der Sportlersprache nennt man so etwas, glaube ich, eine Steilvorlage. Eine einfachere Möglichkeit, die Islamische Republik Iran in die Schranken zu weisen, kann man sich ja gar nicht ausdenken. Erstens könnten Eure Fußballfunktionäre verlautbaren, dass unsere Balltreter in einem liberalen und weltoffenen Staat wie Deutschland nichts zu suchen haben. Zweitens könntet Ihr mich, Mahmoud Achmadinedschad, offiziell zur "persona non grata" erklären. Drittens könntet Ihr mich aber auch hinterlistig einladen, dann beim Grenzübertritt die Handschellen zuschnappen lassen und mich als Holocaustleugner vor Gericht stellen – so ähnlich, wie es die Österreicher neulich mit dem alten Geschichtslügner David Irving vorgemacht haben. Natürlich lege ich es nicht darauf an, im Gefängnis zu schmoren. Sie können mir aber beruhigt glauben, lieber Herr Stein: Angenehmer als unser Evin-Knast in Teheran ist die Vollzugsanstalt Tegel in Berlin allemal – und als heimliches Mitglied der iranischen Opposition würde ich dieses bescheidene Opfer für die Freiheit mit Vergnügen bringen!
Alle drei Optionen, die ich skizziert habe, haben einen ungeheuren Vorteil: Sie sind kostenneutral. Die europäischen Autofahrer müssten keinen Cent mehr für Benzin ausgeben, Eure Regierung müssten keinen müden Euro für höhere Rüstungsausgaben verschwenden. Deutschland könnte zum Nulltarif beweisen, dass es, wie man bei Euch so schön sagt, aus der Geschichte gelernt hat. Mein Plan, so spekulierte ich, müsste von selbst aufgehen wie ein gutes Soufflé! Doch wie meine zahlreichen Spione mir zugetragen haben, zuckt Ihr im Westen schon wieder die Achseln. Ihr lasst unsere Balltreter unbehelligt einreisen. Ihr denkt offenbar gar nicht daran, mich zur "persona non grata" zu erklären. Eure Politiker geben treuherzig zu Protokoll, dass sie mich als Staatsgast in die Arme schließen würden. Wo soll das nur enden, lieber Herr Stein? Was muss ich denn noch tun, damit der freie Westen endlich hochschrickt? Zum Judentum konvertieren? Auf den roten Knopf drücken?
Wie verzweifelt ich bin, ersehen Sie daraus, dass ich Ihnen gegenüber nun – nach so vielen Jahrzehnten im Verborgenen – mein Geheimnis lüfte. Ich bitte Sie inständig, es nicht für sich zu behalten. Nein! Nutzen Sie jede Gelegenheit, um laut und deutlich zu sagen, dass Mahmoud Achmadinedschad das älteste und treueste Mitglied der iranischen Opposition ist. Posaunen Sie die unglaubliche Wahrheit in die Welt hinaus – am besten schon im Rahmen jener Rede, die Sie am 17. Juni in Frankfurt halten. Die Wahrheit ist vielleicht mein einziger Verbündeter, meine letzte Chance. Sobald ich als lupenreiner Demokrat enttarnt bin – so nennt man das bei Euch doch –, wird die deutsche Regierung bestimmt das Richtige tun und einen Boykott verhängen.
Um mich, lieber Herr Stein, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Sollte der islamische Wächterrat bei mir nachfragen, werde ich selbstverständlich behaupten, Sie hätten sich diesen wortreichen Brief in Ihrem wirren Kopf ausgedacht. Schlimmstenfalls behaupte ich einfach, es handle sich um ein zionistisches Komplott. Das wirkt bei uns in Teheran eigentlich immer.
Seien Sie herzlich gegrüßt
von Ihrem Mahmoud Achmadinedschad
