Henryk M. Broder 04.07.2006 01:01 +Feedback
Überlegenheit macht auch die Guten überheblich
von Mag. Arthur Schler
Das einzige, worum man sich im Nahostkonflikt aus Sicht des Westens gegenwärtig sorgen muss, ist eine gewisse Arroganz der Israelis
Nein, was nun folgt, ist nicht die typische Täter-Opfer-Verwechslung, wonach die Palästinenser die unablässigen Opfer eines Vernichtungskrieges der Israelis, und Selbstmordattentäter so etwas wie Freiheitskämpfer "für eine gerechte Sache" wären. Es ist ganz klar, wer hier ständig auf Konfrontation setzt (ob offen oder versteckt): Es ist eine Gesellschaft, die sich offensichtlich mit 60 Jahre alten Fakten nicht arrangieren will, und deshalb außer Mord und Terror (vor allem innerhalb der eigenen Reihen) nicht viel zustande bringt. Eine solche Gesellschaft hat in den Augen der europäischen Öffentlichkeit nur einen Bonus: Sie ist hoffnungslos unterlegen, ja regelrecht inferior, und die Schwächeren geniessen immer gewisse Sympathien. Vor allem, wenn sie weit weg sind und einen selbst durch ihre Wahnsinnstaten nicht gefährden können.
Genauso leicht fällt es da natürlich, die Schwächen der "Guten" aufzuzeigen (die Anführungszeichen bitte nicht abwertend zu verstehen). Die Guten, das sind die Vertreter eines demokratischen, souveränen Staates, der tagtäglich seine Rechtsstaatlichkeit und sein Bekenntnis zu westlichen Werten beweist - nicht unbedingt durch militärische Aktionen, sondern durch die Art und Weise des Zusammenlebens der Bevölkerung: Zivilisiert, das allgemeine Wohl und des gegenseitige Fortkommen befördernd, auf Ausgleich bedacht, usw. Daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Die Spitzenleistungen auf Weltklasseniveau z.B. in der Landwirtschaft oder im IT-Bereich sind dafür klare Belege.
Aber das sieht man in Europa alles nicht. Hierzulande verbindet man mit Israel vor allem den Nahostkonflikt, und die Bilder Marke "Steine gegen Panzer" suggerieren unseren Landsleuten stets, wem die wirklichen Sympathien gehören sollen. Die Palästinenser sind im Kampf gegen ihren auserkorenen Todfeind zwar hoffnungslos unterlegen, doch die psychologische Kriegsführung, die beherrschen sie perfekt. Sie zelebrieren ihre Opferrolle, und Unbeteiligte, die ein Video über einen Bagger sehen, der ein (scheinbar) friedlich herumstehendes Haus einreisst, müssen geradezu auf deren Seite gelangen. Solange nur in Nebensätzen die Worte "Terror" und "Terroristen" fallen und nicht als der eigentliche Grund für entsprechende Aktionen dargestellt werden, ist das nahezu vorprogrammiert.
Ganz aktuell: Die Schlagzeile der Bombardierung des "Innenministeriums" in Gaza. Mit "Innenministerium" verbindet man hierzulande genau das, wofür es auch stehen sollte: Recht, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, kurzum: organisierte Sicherheit. Wer ein Innenministerium bombardiert, kann ja nur selbst ein Verbrecher sein. So der implizite Vorwurf in diesen Meldungen. Und wer nach Jahrzehnten pro-palästinensischer Medieninflitration solche Meldungen liest, denkt dann auch gerne noch einen Schritt weiter: Man habe es doch immer schon immer gewusst, dass die Israelis die schlimmeren, wenn nicht die wahren Schurken seien. Der Hass wächst, und wachsender Hass ist etwas, was man nicht ignorieren sollte.
Aber genau das scheint zu passieren. Israel ist so stark, ja geradezu unantastbar (militärisch und wirtschaftlich), dass es offenbar wenig darauf gibt, was andere über Israel denken. Das ist momentan vielleicht das Einzige, worum man sich als Anhänger der westlichen Lebensweise sorgen muss.
Ich selbst gehörte lange zu jenen, die z.B. "gezielte Tötungen" als "barbarisch" oder zumindest eines souveränen Rechtsstaates für "absolut unwürdig und inakzeptabel" hielten. Nachdem ich mich nun ein wenig mehr mit der Situation beschäftigt habe, in der sich Israel befindet, kann ich nicht úmhin, diese Taktik als gerechtfertigt anzusehen. Der Staat Israel befindet sich de facto mit einer Bande von Terroristen im Krieg, die vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken. Um sich zu schützen, sind diese Mittel oft der einzig mögliche Weg. Der Schutz von Leib und Leben der eigenen Bevölkerung gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Staates, und ein Staat, der hier nichts tut, hat schlicht und ergreifend aufgehört, ein Staat zu sein. Wahrscheinlich würde man darüber hierzulande auch anders denken, wenn in 20 Kilometer Entfernung ein Volk hausen würde, dessen gewählte höchste Vertreter sich unsere eigene Vernichtung auf die Fahnen und in die "Verfassung" geschrieben haben, und von deren Territorium täglich Raketen auf uns abgeschossen werden, die schon mal im Garten des Nachbarn explodieren. Aber zum Glück ist das nicht so...
Noch einmal zum "Hamas-Innenministerium": Vor nicht allzu langer Zeit war (und ist!) man sich noch einig, dass die Hamas eine lupenreine Terrororganisation ist. Sogar die EU, die sonst viel Wert auf großzügige Unterstützung palästinensischer Interessen legt, lässt daran keinerlei Zweifel aufkommen. Wenn das also der Wahrheit entspricht: Wie viel hat dann ein von einer Terrororganisation kontrolliertes "Ministerium" mit "Recht, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit" zu tun? Oder hat sich in der Hamas seit ihrer Machtübernahme irgendetwas verändert? Das Statut, wonach Israel zerstört werden müsse, wurde bekanntlich nicht geändert. Wenn die Terroristen also die oberste Polizeigewalt innehaben, dann verdient eine solche Organisation nicht den Namen "Innenministerium". "Gestapo-Ministerium" würde schon besser passen.
Und selbst dann, wenn man diese Bombardierung als unrechtmäßig ansieht, könnte man den Unterschied noch erkennen: Während die palästinensischen Anschläge in Bussen, Cafes und Diskoteken immer zu jener Zeit stattfinden, wo sich dort möglichst viele Frauen, Kinder und andere Unbeteiligte aufhalten, zerstört Israel das Hamasgebäude in der Nacht, wenn dort praktisch niemand anwesend ist.
Dabei sind diese Aktionen der Israelis vergleichsweise nichts anderes als die Bewegung eines Bären, der sich ein wenig am eigenen Fell kratzt. Wenn es wollte, könnte es noch viel mehr Zerstörung anrichten. Um die Wehrhaftigkeit des einzigen stabilen demokratischen Staates in der Region braucht man sich also keineswegs Sorgen machen.
Israel und die USA haben vieles gemeinsam: Dazu gehört u.a., dass man gegenüber seinen erklärten Feinden so stark ist, dass man eine direkte Konfrontation weder fürchten noch scheuen müsste. Ganz im Gegenteil. Aber diese Stärke wird zugleich auch zur größten Schwäche: Wer de facto auf die Unterstützung anderer nicht angewiesen ist, kann (im Grunde) tun und lassen, was er will. Zwar überspitzt und überzogen, aber dennoch passend dazu das bekannte Caligula-Zitat: "Sie müssen micht nicht lieben, wenn sie mich nur fürchten". Die Reaktionen auf die Bedrohung durch Terrorismus waren aus der eigenen Sicht wohl gerechtfertigt, aber aus Sicht der Europäer zumindest arrogant. Die USA haben das (aus eigener Erfahrung) schon verstanden, und haben längst damit begonnen, die eigene Sichtweise vermehrt zu bewerben. Die Auftritte von Rice und Bush sprechen ganz eindeutig diese Sprache. Und: Man hat damit Erfolg. Die Popularität des amerikanischen Präsidenten ist in Europa wohl immer noch auf einem historischen Tiefpunkt, aber zumindest fällt sie nicht mehr weiter. Gerade unter den Meinungsbildnern in meinem Land ist längst der Gegenprozess im Gange, wenn auch nur schwach und mit gelegentlichen Rückschritten.
Auch Israel sollte mE mehr tun, um im sehr kritischen Ausland die eigenen Handlungen besser zu verkaufen. Denn die Arroganz, die der Verzicht darauf offenlegt, wirkt sich unter Garantie negativ aus. Wer garantiert, dass sich in der derzeitigen Stimmung nicht irgendwann Stimmen durchsetzen, die einen vollständigen Boykott Israels verlangen? Die Europäer sind nicht das Problem, aber sie können es aus israelischer Sicht werden, wenn sich anhand fortgesetzter tendenziöser Berichterstattung eine entsprechende Meinung auch in den Köpfen ganz oben durchsetzt. Die (ansonsten seltene) Einhelligkeit in Sachen "Mauerbau" sollte Warnung genug sein. Und seinerseits mehr oder minder auf die "ewige Opferrolle nach '45" zu setzen, zieht auch immer weniger.
Israel muss zeigen, was auf dem Spiel steht. Die Alternativen zum Status Quo müssen klarer werden, wenn sich der Pali-Terror weiter durchsetzen würde. Die historischen Leistungen der Israelis müssen mehr ins Blickfeld rücken. Ich bin davon überzeugt, dass sich dies mit vergleichsweise geringfügigen Mitteln umsetzen ließe. Eine gewisse Hartnäckigkeit würde es natürlich voraussetzen. Es ist schon ein bisschen was dran: Der Kampf gegen den Terror gewinnt man nicht (nur) mit militärischen Mitteln. Er muss auch in den Herzen gewonnen werden.
