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  07.00.2006  12:00   +Feedback

Ein dickes Ding: "Damit tun Sie den Juden keinen Gefallen!"

Es gibt Momente, da spüre ich eine tiefe Dankbarkeit gegenüber meinen Eltern, dass sie Polen verlassen haben und nach Deutschland gekommen sind. Dann sage ich leise: „Danke, Kalman, danke, Felicja“ und hoffe, dass sie mich hören. Das passiert, wenn ich bei Einstein sitze und mit dem Apfelstrudel flirte, in Hamburg um die Alster fahre oder über die Laugavegur in Reykjavik laufe. Nicht auszudenken, was mir entgangen wäre, wenn sie in Katowice geblieben wären.

Gestern war wieder so ein Moment. Ich stand vor dem Amtsgericht Tiergarten, angeklagt wegen Beleidigung. Klingt schlimmer, als es ist.
Mein alter Freund Abi Melzer, der größte Verleger alle Zeiten (GRÖVAZ), wollte es mal wieder wissen. Es reichte ihm nicht, dass er vor der Pressekammer des Frankfurter Landgerichts eine Einstweilige Verfügung gegen mich beantragt hatte, der das Gericht in 2 von 3 Punkten stattgab. Er zeigte mich auch in Berlin wegen Beleidigung an.

Das allein wäre nicht weiter bemerkenswert, denn Abi greift gerne zu, wenn es was umsonst gibt, wenn die Staatsanwaltschaft sich nicht der Sache angenommen hätte, statt Abi auf den Weg der Privatklage zu verweisen. Das heißt, die Staatsanwaltschaft setzte ein öffentliches Interesse an dem Fall voraus. Worum ging es? Ich hatte über Abi und seinen Bestseller-Autor Hajo Meyer geschrieben: „Holo mit Hajo – wie zwei Juden für die Leipziger den Hitler machen“, nachdem die beiden an der Leipziger Uni aufgetreten und allerlei krudes Zeug über Israel gelabert hatten.

Und diesen einen Satz, den das Frankfurter Landgericht übrigens für zulässig erklärt hatte, fand irgendein Azubi bei der Berliner Staatsanwaltschaft so empörend, dass er mir einen Strafbefehl über 1.5oo.- Euro schickte. Ich legte Widerspruch ein, und so kam es zu der gestrigen Verhandlung.
Und ich muss sagen: es hat sich gelohnt, in der größten Mittagshitze die Siesta zu unterbrechen. Ich habe schon einiges bei Gerichten erlebt, aber dieser Tag wird mir in ewiger Erinnerung bleiben.

Die Anklage wurde von einem Oberstaatsanwalt vertreten. Das war so, als würde Wirtschaftsminister Glos persönlich zu der Eröffnung einer Teppich-Kibek-Filiale in Marzahn anreisen und sollte wohl die Bedeutung des Falles unterstreichen. Der OStA verlas die Anklageschrift, die er mit spitzen Fingern festhielt, dann sagte mein Anwalt, der großartige Jan Hegemann, was von der Sache juristisch zu halten ist, danach wurde Abi als Zeuge in eigener Sache aufgerufen.

Ein Häuflein Elend nahm im Zeugenstuhl Platz, in einem Freizeithemd und mit einer Stimme wie ein Quietsche-Entchen beim Tauchen. „Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragte die Richterin, nachdem sie ihn belehrt hatte, dass er die Wahrheit sagen müsse.

„Nö, eigentlich nicht“, stammelte Abi. Dann wollte die Richterin wissen, unter welchen Bedingungen er den Text auf achgut von Ingo Way und Benjamin Weil mit meinem Vorspann gelesen hatte, allein oder mit anderen. Das klang wie eine Anleitung zum Beichten. Abi erzählte, wie sehr er gekränkt war und dass er es nicht verdient hätte, mit Hitler gleichgesetzt oder verglichen zu werden.

Und dann, dann kam der Auftritt des OStA. Ich hatte so was zuletzt in den „Zehn Geschworenen“ gesehen, aber das war noch besser. Der OStA stand auf, schaute sich um – und redete etwa zehn Minuten über den Verfall der Sitten. So war es, ich schwöre es, so wahr mir G’tt helfe. Ich dachte schon, ich wäre in der falschen Vorstellung, in einem Verfahren wegen Koks und Nutten. Aber nein, es ging um Abi und mich.

Der ganze Vorgang, sagte der OStA, gebe „zu Befremden Anlaß“. Denn es gehe nicht um Witze wie die von Kishon, den er immer gerne gelesen habe und der auch „sein eigenes Volk“ angegriffen hat. „Das hier hat eine andere Qualität.“ Dieser Streit sei eines erwachsenen Menschen unwürdig, er stehe da für „die Verrohung der Sitten, wie man sie in den letzten Jahrzehnten beobachten kann“.

War ich gemeint? Ich schaute mich um, außer mir saß niemand auf der Anklagebank. Abi hatte sich in den Zuschauerraum zurück gezogen und starrte Löcher in die Luft. Der OStA fuhr fort: „Ob das so sinnvoll ist, scheint mir zweifelhaft. Wenn ich bedenke, dass beide Juden sind und sich beide streiten, bin ich als Oberstaatsanwalt schockiert. Und wie Sie darauf reagieren, Herr Broder, damit tun Sie den Juden keinen Gefallen.“

Der OStA redete, und es sprach aus ihm. Wäre er auch „schockiert“, wenn sich zwei Katholiken in die Haare gekriegt hätten? Hätte er zu einem Protestanten gesagt, mit seinem Verhalten erweise er den Protestanten keinen Gefallen?

Dann kam er wieder auf die „Verrohung der Sitten“ zurück, wenn das so weiter gehe, könne man den Paragrafen 185 StGB gleich abschaffen.

Ich rechnete mit dem Schlimmsten. Gleich würde er beantragen, ich soll zur Strafe eine Woche lang in der Kantine des Landgerichts essen. Doch dann machte der OStA eine Wende. „Und dazu noch die Gerichte zu bemühen, das ist ein dickes Ding.“ Er hatte vergessen, dass nicht ich, sondern Abi Anzeige erstattet hatte und dass er, der OStA, das Verfahren im Vorfeld hätte abwürgen können, statt es auf den Weg zu bringen. Immerhin gibt es ein höchstrichterliches Urteil, das den Kampfruf „Ruhm und Ehre der Waffen-SS!“ für zulässig erklärt, dagegen ist die Feststellung, Abi und Hajo würden „den Hitler machen“, von einer erschütternden Harmlosigkeit. Der OStA beschloss sein Plädoyer mit dem Satz: „Vom Ergebnis her meine ich, dass der Angeklagte freizusprechen ist.“

Und so kam es auch. Fünf Minuten später verkündete die Richterin „im Namen des Volkes“ den Freispruch auf Kosten der Staatskasse. Abi hatte vorher schon den Saal verlassen.

Als alles vorbei war, stand ich auf und ging auf den OStA zu. Irgendwie tat er mir leid. „Der arme Kerl“, dachte ich, „ich liege in zwei Tagen in der Blauen Lagune und er grämt sich noch immer über die Verrohung der Sitten“. Ich streckte meine Hand aus, der OStA drehte sich zur Seite. „Wissen Sie“, sagte er, „ich war schon zweimal in Auschwitz“. – „Ich auch“, sagte ich, „am besten hat mir dort die Cafeteria gefallen“. – „Sie sollten sich was hinter die Ohren Schreiben“, sagte der OStA. „Ich weiß auch etwas, dass Sie sich hinter die Ohren schreiben sollten“, sagte ich, „aber dafür sind Ihre Ohren nicht groß genug“.

Hinterher sind Ralph und ich ins Cafe Einstein gefahren. Und so wurde es doch noch ein schöner Nachmittag bei 3o Grad im Schatten.
Danke, Kalman, danke Felicja!

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