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  09.00.2006  13:01   +Feedback

"Solche Reaktionen tun gut"

Was muss man alles können, um in der ARD als Prediger auftreten zu dürfen? "Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken." (Karl Kraus) Man muss sich nur was trauen, wie Burkhard Müller, Pfarrer im Ruhestand, der nach einem Auftritt im "Wort zum Sonntag" und einem weiteren im WDR-Hörfunk mehr Zuschriften bekam, als er persönlich beantworten konnte. Deswegen setzte er einen Rundbrief auf, mit dem er sich bei allen, die ihm geschrieben hatten, bedankte und seine Haltung klarstellte. Man könnte auch sagen: verschlimmbesserte.

Burkhard Müller, Pfr.i.R.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe in den vergangenen Wochen zweimal die Gelegenheit gehabt,
mich öffentlich zum Thema Naher Osten zu äußern:
am 26.August im Wort zum Sonntag und am 31. August in einer
Morgen-Andachts-Reihe des WDR zum Thema Kain und Abel.

Auf diese Äußerungen hin habe ich viele Briefe und Emails bekommen.
Ich habe mich über die große Resonanz gefreut.
Weil ich privat ein volles und reiches Leben neben Fernsehen und Radio
führe, ist es mir leider nicht möglich, auf die vielen Schreiben persönlich zu
antworten. Ich hoffe, Sie haben dafür Verständnis.

Viele haben mir herzlich gedankt, haben mich bestärkt und aufgefordert, auch weiterhin strittige Themen aufzugreifen.
Solche Reaktion tut immer gut. Darum danke ich herzlich dafür.

Einige haben die Silben gezählt und festgestellt, dass ich die Wortmenge
meiner Beiträge ungerecht auf Israel und Libanon/Palästina verteilt habe.

Wer die Worte dieses Briefes nachzählt, wird feststellen, dass ich mich noch
einseitiger äußere. Das hängt damit zusammen, dass nahezu alle Briefe aus
pro-israelisch/-jüdischer oder antiislamischer Position heraus
argumentieren.

(Nur ein Brief mit der Sicht eines Palästinensers hat mich erreicht).

Viele haben mich kräftig persönlich angegriffen.
Ich habe plötzlich ein ganz neues Bild von mir gewonnen.

Man hat mich als eingebildet, anmaßend, ahnungslos, naiv, peinlich,
selbstgerecht, überheblich, antisemitisch usw. wahrgenommen.

Ich werde versuchen, darüber nachzudenken, ob eins dieser Attribute mein
Verständnis über mich selbst bereichern und vertiefen kann. Vielen Dank.

Allerdings erschreckt mich der inflationäre Gebrauch des Begriffs
"antisemitisch". Der Antisemitismus ist zu gefährlich, als dass man den Begriff so leichtfertig als Etikett auf alles klebt, was irgendwie nicht voll auf
pro-israelischer Linie zu bleiben scheint.

Besonders danken möchte ich den Briefschreibern, die mich ahnungslosen
Netz-Nutzer darauf aufmerksam gemacht haben, dass meine Texte an
verschiedenen Stellen von interessierter Seite ins Netz gestellt, dort
kommentiert und mit dem Aufruf, jetzt aber dem Verfasser eine Mail zu
senden, versehen wurden.

Diese Erkenntnis hat mir geholfen, die Flut gehässiger Brief richtig zu
bewerten. Schon vorher waren mir merkwürdige gedankliche und auch
sprachliche Übereinstimungen in Briefen aufgefallen. Ich erhielt mehrere
Briefe mit gleichem Wortlauf von verschiedenen Absendern. Es ist mir eine
neue Erkenntnis, dass bei diesem Thema sehr organisiert reagiert wird.

Es gab bedenkenswerte Kritik, für die ich danke.

Z.B. dass man Abraham nicht einfach nach "Palästina" gehen lassen kann;
dass Israelis und Palästinenser keine semitischen Brudervölker sind.

Sehr ernsthaft schien mir der Vorwurf, ich als Christ und als Deutscher
zumal könne mir doch nicht erlauben, mich für Israel Wohlergehen und
Wohlverhalten verantwortlich zu fühlen.

Ich habe dagegen kein Argument.

Allerdings ist es die Realität meiner Gedanken und Empfindungen, dass ich
von Herzen wünsche, dass Israel Bestand hat, dass es ihm gut geht, und dass es zu dem Zweck eine zukunftweisende Politik macht.

Israel habe allein durch seine Kriege seine Existenz gesichert. "Israel kann
keinen einzigen Krieg verlieren, eine Niederlage kostet seine Existenz".

So und ähnlich wurde mir oft geschrieben.

Ich denke durchaus, dass Israel militärisch stärker sein sollte als seine
Nachbarn- solange das möglich ist. Aber kann man nicht aus der Geschichte
lernen, dass niemand immer und auf Dauer siegt? In der Rüstungstechnologie gibt es manchmal unerwartet Entwicklungen, die Machtverhältnisse umdrehen.

Ich wünsche Israel eine stabilere Grundlage für eine glückliche Zukunft als
militärische Überlegenheit allein. Darum kann nicht der Sieg, sondern nur
der Frieden, nicht die Unterwerfung, sondern die Versöhnung das Ziel einer
zukunftsweisenden Politik sein.

Ein Anlass für meine Worte zum Sonntag war der Aufruf des Zentralrates der
Juden an uns Deutsche, im Libanonkrieg die israelische Seite solidarisch zu
unterstützen.

Das hat mich insofern überrascht, als die Juden in Deutschland m. E. bis
dahin bei aller persönlicher Verbundenheit zu den Menschen in Israel
sorgfältig unterschieden haben zwischen sich und der israelischen Regierung
und nicht für deren Handeln verantwortlich gemacht werden wollten.

Aber mit Frau Knobloch scheint die Lobbyarbeit für israelische Politik
größeres Gewicht zu bekommen.

Ich bin ihrem Aufruf gefolgt und habe - obwohl Deutscher und Christ - mich
darin solidarisch und als guter Freund Israels verstanden, indem ich die in
meinen Augen sehr falsche Politik kritisiert habe.

Mit innerem Augenzwinkern habe ich von den Carepaketen der Amerikaner und dem Hilfswerk "Segen Abrahams" geredet.

Natürlich weiß ich, dass sich das nicht eins zu eins umsetzen lässt.

Und ich bin mir bewusst, dass es angesichts des Hasses auf beiden Seiten
großer Anstrengungen bedarf, bevor man einander die Hand reichen und dabei Geschenke machen kann.

Natürlich weiß ich, dass es in Israel bereits vielerlei Gruppen gibt, die
sich um Versöhnung und Ausgleich bemühen, wenn sie auch während des
Libanonkrieges - jedenfalls nach Presseberichten - sehr still geworden sind.

Aber vielleicht wäre es besser gewesen - so lerne ich aus kritischen
Einwänden -, ich hätte in meinen kurzen Beiträgen von diesen guten Ansätzen in Israel selbst berichten sollen.

"Es steht nicht in Israels Hand, alle seine Feinde zu Freunden zu machen."

Diesem Satz muss ich natürlich zustimmen.

Aber Israel kann viel dazu tun.

Vor allem sollte das Militär bemüht sein, den Hass nicht noch zu steigern.

Ganz so ahnungslos, wie manche meinen, bin ich nicht. Vertrauenswürdige
Augenzeugen aus meiner Kirche haben erschütternde Dinge aus Palästina
berichtet. Wenn das Berichtete stimmt - und ich habe keine Zweifel daran -
werden auch die israelischen Soldaten nicht ohne inneren Schaden von ihren
Einsätzen zurückkommen.

Als Pfarrer der Ev. Kirche im Rheinland fühle ich mich dem
christlich-jüdischen Dialog verpflichtet. Aber ich bin verwundert, wie nach
so vielen Jahren des Dialogs immer noch ein Zwang zu bestehen scheint, aus
Rücksicht und Vorsicht sensibel nicht zu sagen, was man vielleicht denkt.
Unterschätzen wir unsere Dialogpartner nicht möglicherweise? Müsste nicht
inzwischen so viel Vertrauen gewachsen sein, dass auch offen gesprochen
werden kann?

Meine Sorgen im Blick auf den Nahen Osten sind groß. Aber in einer tieferen
inneren Ebene habe ich Zuversicht. Ich vertraue darauf, dass die reichen
Überlieferungen der Juden ihnen den Mut und die Visionen schenken, zu einer
anderen, zu zukunftsfähiger Politik zu finden.

Das wird nicht ohne Auseinandersetzung im Judentum selbst vonstatten gehen.

In einer Mail von Rolf Verleger, Mitglied im Präsidium des Zentralrats der
Juden, der wegen seiner Kritik an der israelischen Politik scharf
angegriffen wurde, fand ich den Satz:

"Wir werden aus den reichen Traditionen des Judentums die Kraft und
Inspiration schöpfen, um eine andere jüdische Stimme hörbarer zu machen."

Mit freundlichen Grüßen

Burkhard Müller

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