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  00.-1.2006  04:00   +Feedback

Zwergenaufstand in Zürich - Was tun?

Vergangene Woche war ich kurz in Zürich, um mir Sibylle Bergs neues Musical "Wünsch Dir Was!" anzusehen. Nicht nur die Vorstellung war sehr schön. Ich wohnte im "Savoy" am Paradeplatz gegenüber dem Sprüngli, bekam das Frühstück ans Bett und saß stundenlang mit zwei netten Kollegen von der "Weltwoche" im "Select" am Limmatquai. Leider hatte ich danach nur noch wenig Zeit für einen Bummel durch die Bahnhofstraße, tröstete mich aber damit, dass ich bald wieder kommen würde, Ende Oktober zu einem Symposium der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft.

Was ich nicht wußte: Während ich bei Migros und bei co-op die Regale plünderte, tobte zur gleichen Zeit in Zürich ein Zwergenaufstand, dessen Teilmehmer alle Hebelchen in Bewegung setzten, damit ich nicht an dem ELS-Symposium teilnahm. Das erfuhr ich erst, als ich wieder in Berlin war.

Hajo Jahn, der das Symposium organisiert, hatte mir eine mail geschickt:

Lieber Henryk,
im Augenblick läuft eine regelrechte Kampagne gegen Deine Teilnahme an unserer Podiumdiskussion. Shagra Elam hat mir die inzwischen 3. Mail geschickt - die letzte leite ich an Dich weiter, damit Du informiert bist; die Zahl derjenigen, die er gleichzeitig anmailt, wächst ständig, es tauchen auch neue Adressaten auf...
XXXX
Beste Grüße
Hajo

Die mail, die Shraga Elam, der "Recherchierjournalist" (klingt das nicht wie "Speisegaststätte" oder "weißer Schimmel"?) an Hajo Jahn, den Vorsitzenden der ELS-Gesellschaft geschickt hatte, las sich so:

Sehr geehrter Herr Jahn

Soeben habe ich von Frau Felicia Langer vernommen, dass Sie anfänglich die berühmte israelische Menschenrechtsanwältin und Trägerin des alternativen Nobelpreises zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen hatten. Dann erfolgte jedoch eine Absage wegen angeblicher finanzieller Schwierigkeiten. Damals war noch nicht die Rede von Herrn Broder, welcher offensichtlich zu einem günstigeren Tarif als Frau Langer referieren kann.

Natürlich weiss ich um die finanziellen Anstrengungen, die mit einer solch riesigen Veranstaltung verbunden sind, und ich habe auch Kenntnis davon, dass Ihnen eine Spende von einer Million US Dollar wegen einer Rede Uri Avnerys entgangen war, weil Ihnen die grosszügige Sponsorin, Frau Gitta Sherover, aus Protest gegen seinen Vortrag, die Unterstützung kündigte.

Trotzdem gibt es irgendwo auch Grenzen für Konzessionen.

Ich verstehe, dass in diesem Umfeld verschiedene politische Sachzwänge herrschen, die aber gar nichts mit Meinungsäusserungsfreiheit und vor allem nicht mit jener Andersdenkender zu tun haben.

Das, was Frau Langer vertritt, ist bestimmt bedeutend näher am Gedankengut Frau Lasker-Schülers als die zynischen und menschenverachtenden Aussagen Herrn Broders. Das, was Herr Broder über Täter und Opfer zu sagen hat (Jüdische Allgemeine, 17.3.2005), hat nichts an einer Veranstaltung, die Frau Else Lasker-Schüler gewidmet ist, zu suchen. Es ist genau so geschmacklos und pietätlos, Herrn Broder einzuladen, wie wenn Sie einen Rechtsradikalen auf dem Podium hätten.

Sie lassen mir leider keine andere Wahl als die Lancierung einer öffentlichen Protestaktion gegen die Beteiligung Broders.

Freundliche Grüsse

Shraga Elam
Israelischer Recherchierjournalist und Buchautor
Träger des australischen Preises Gold Walkley Award für ausgezeichneten Journalismus 2004

Und weil ein Irrer selten allein kommt, meldete sich nicht nur Shraga Elam bei Hajo Jahn, sondern auch XXXX und mein alter Freund Abi Melzer, der größte Verleger aller Zeiten (GRÖVAZ). XXXX Abi zeigte Haltung und begnügte sich mit einer mail.

Hajo Jahn wiederum, der ein netter und umgänglicher Mensch ist, versuchte es argumentativ und schrieb Shraga Elam einen Brief. Weil er aber von Shraga noch nichts gehört oder gelesen hatte und nicht einmal wußte, dass der "Recherchierjouranlist" auch Träger des berühmten australischen "Gold Walkley Award für ausgezeichneten Journalismus 2004" ist, wählte er leider die falsche Anrede:

Sehr verehrte Frau Elam,
haben Sie vielen Dank für Ihren Offenen Brief.
Bitte haben Sie Verständnis, daß ich Ihre Meinung ebenso respektiere wie von jedem anderen. Aber "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden" - Sie kennen wahrscheinlich dieses geflügelte Wort von Rosa Luxemburg, die mit Else Lasker-Schüler befreundet war. Die Dichterin hat ebenso wie die Politikerin oft genug Ansichten vertreten, die nicht jedem gefallen haben...

Inzwischen wird Jahn mit mails zugemüllt. Es sieht aus, als hinge der Seelenfrieden der Abi-Shraga-XXXX-Truppe von meiner Teilnahme oder Nichtteilnahme an dem ELS-Symposium ab. Nun bin ich mit Claudia Roth der Meinung, dass Deeskalation daheim beginnen sollte und überlege deswegen, ob ich nach Zürich fahren soll oder nicht.

Für Zurich spricht:
Die Kronenhalle
Das Sprüngli
Das Schober
Sibylle, Chanan und Yves

Gegen Zürich spricht, dass ich Shraga Elam bei Sprüngli treffen und es mir den Appetit auf die Grand Cru Arriba mit 72% Cacao-Anteil verderben könnte. Das mag ich nicht riskieren, schon weil ich Anfang November in den Vatikan eingeladen bin, wo bekanntlich nicht nur viel gebetet, sondern auch gut gegessen wird.

Also, liebe Leser, entscheiden Sie: Was soll ich tun? Nach Zürich fahren, den Zwergenaufstand auf die Spitze treiben, oder gleich nach Rom fliegen und mich im Cafe Greco auf den Besuch im Vatikan vorbereiten? Ich verspreche, dass ich die Mehrheitsentscheidung respektieren werde. Wie immer wird unter den Einsendern ein Buch ausgelost, diesmal ist es "Hurra, wir kapitulieren!"

Die Siegerin im letzten Preisauschreiben ist übrigens Monika Romhányi, die den Pisa-Test bestanden hat. Das Buch ist schon in der Post.

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