Henryk M. Broder 20.10.2006 08:27 +Feedback
Wolf Biermann dankt Saddam Hussein - vorgestern in Jerusalem
Ich habe hier in Israel Konzerte gegeben. Ich habe das Saddam Hussein zu verdanken. Ich habe immer meinen Todfeinden das Beste zu verdanken. Das ist wahr. Auch der Partei, weil sie mich verboten hat. Wenn die mich nicht verboten hätten, wäre ich ja auch nicht der Biermann geworden, der ich nicht war, am Anfang.
Als Titel habe ich mir aufgeschrieben: „Ismael und Isaak – aus deutscher Sicht".
Da sagte mir mein zerfreundeter Freund Walter Grab manchmal, der Historiker in Tel Aviv: "Über alles kann man reden, aber nicht über eine Stunde!" Das ist meine Sorge: Ich habe eigentlich hier in Israel nichts zu suchen und nichts zu finden. Warum? Alle Probleme der Welt könnte ich in dieser einen Stunde lässig lösen - aber nie und nimmer die heillosen Konflikte hier im Nahen Osten. Will sagen: Ich weiß keinen Rat.
Und ich weiß, dass auch Ihr hier - auf höherem Niveau - ratlos seid. Also gilt eigentlich der berühmte Satz aus dem Tractatus des Philosophen Wittgenstein "Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Aber auch das ist leicht gesagt.
Fangen wir also ein paar Nummern kleiner an: Dieses Fragment eines deutschen Sittenbildes könnte für Euch, liebe Freunde, hier im Nahen Osten, von Interesse sein: Es gibt - hauptsächlich im Westteil des wiedervereinigten Deutschland - seit zehn Jahren die Initiative eines sogenannten Aktions-Künstlers aus dem Rheinland.
Sein Name Gunter Demnig.
Ein schön mehrdeutiges deutsches Wort "Stolperstein" inspirierte den bildenden Künstler dazu, handflächengroße Gedenk-Elemente wie Straßenpflastersteine auf dem Bürgersteig in den Boden einzulassen.
Er produziert Messingplatten mit den Namen und Daten von Opfern der Nazizeit.
Diese "Stolpersteine" erinnern in der Regel an ermordete Juden, aber es gibt wohl auch einige für Sinti und Roma, für Kommunisten, Sozialdemokraten, Homosexuelle.
Nicht die Füße, aber die Augen der Passanten sollen stolpern über solch einen Stein aus Metall, denn er zeigt auf seiner glänzenden Oberfläche den Namen und das Geburtsdatum etwa eines Juden, der damals genau in diesem Haus gewohnt hatte.
Und in das haltbare Material ist deutlich auch das Datum der Verschleppung eingestanzt, also der Tag, an dem dieser Mensch ein letztes Mal aus seiner Wohnungstür raus ging, womöglich Ort und Zeit seines Todes: Theresienstadt, Auschwitz, Minsk, Gurs, Rivesalte, Dachau, Riga.
Manchmal ist es nur ein Ermordeter, an den so erinnert wird, manchmal sind es etliche Stolpersteine nebeneinander: Mann, Frau, zwei Kinder.
Vor einigen großen Miethäusern entstand sogar eine gepflasterte Fläche, weil dort einst etliche jüdische Familien gewohnt hatten.
Manche Kommunen haben die Anbringung solcher Zeichen verboten.
Aber in meiner Vaterstadt Hamburg liegen schon über tausend Stolpersteine, man könnte sagen: Diese kleinen Stolpersteine bilden in ihrer Gesamtheit ein dezentrales Groß-Denkmal.
Leute, die heute in solchen Häusern wohnen, erfahren auf diese Weise, dass unter ihrem Dach einstmals Juden lebten, Bürger, wie man im Deutschen sagt: mit Namen und Adresse. Manchen Eigentümern solcher Häuser ist es recht, manchen ist es egal, noch andere sind angefressen, weil sie nun jeden Tag en passant diese Mini-Mahnmale sehn müssen.
Etliche Besitzer fühlen sich schuldlos an den Pranger gestellt. Aber sie können nichts dagegen tun, denn der Bürgersteig ist das Eigentum der Stadt.
Solch ein Stein der Erinnerung ist preiswert. Für nur 70 Euro fertigt der Künstler auf Bestellung die markante Messinginschrift an und zementiert dann eigenhändig sein Kunstwerk ein, immer deutlich sichtbar vor dem Hauseingang auf dem Bürgersteig. Er nimmt jeden Auftrag entgegen und erledigt ihn prompt.
Die ganze Geschichte erinnert mich dreimal verkehrt an die Juden kurz vor ihrer Flucht aus der Sklaverei in Ägypten, wie sie ihre Haustüren deutlich markierten mit dem Blut des Opferlamms im Reiche des Pharao, damit gerade sie nicht sterben müssen.
Ich selbst müsste zwanzig solcher Steine für meine ermordete Familie beim Künstler bestellen, aber meine Frau Pamela und ich sind da noch nicht unserer Meinung.
Ja, wir zögern.
Aber nicht aus Geiz oder Wurschtigkeit, sondern weil der Gedanke uns wehtut, dass die Nachgeborenen in Deutschland nun die Namen meiner Großeltern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen mit Füßen treten.
Folgende Straßen-Szene ist dieser Tage in Hamburg in einer gutbürgerlichen Straße passiert. Zwei junge Frauen knieten vor fünfen solcher Steine, hatten sie offensichtlich schon mit einem Schwamm gesäubert vom Straßendreck. Sie polierten nun die stumpfgewordene Oberfläche mit einem Lappen, auf den sie Polierpaste aus der Tube gedrückt hatten. Neben ihnen blieb mein Freund, ein Professor aus Israel, stehen, der hier in Hamburg unterrichtet. Er war auf seinem Wege neben den beiden außergewöhnlichen Putzfrauen stehen geblieben, schaute ihnen zu und entzifferte die eingravierten Namen. In diesem Moment kam ein etwa 5o Jahre alter Mann vorbei. Auch der blieb stehn und sagte nun dort am Grindel, in diesem ehemaligen Judenviertel der Hansestadt Hamburg den Hammersatz: "Na, diese fünf Juden hier können jetzt wenigstens nicht mehr im Libanon die Araber ermorden..." - sagte es und ging gelassen weiter.
Der vielleicht deutscheste aller deutschen Dichter, Friedrich Hölderlin, enger Jugendfreund unseres Philosophen Hegel und Zeitgenosse der Großen Französischen Revolution, schrieb ein Ode "An die Deutschen".
Darin heißt es: „Spottet nimmer des Kindes, wenn noch das alberne Auf dem Rosse von Holz herrlich und viel sich dünkt, O ihr Guten! auch wir sind Tatenarm und gedankenvoll ! ...."
Das schöne Dichterwort wurde falsch und falscher. "Tatenarm..." war das deutsche Volk unter seinem vergotteten Führer Adolf Hitler nicht.
Und "...gedankenvoll" waren die Deutschen in den Zeiten des II.
Weltkrieges und des Völkermords an Juden und Zigeunern auch nicht.
Aber die Welt hat sich wild gedreht. Inzwischen ist der schöne Vers wieder halb richtig. Herausragend gedankenvoll sind wir Deutschen gewiss nicht mehr, aber tatenarm - das sind wir wieder geworden.
Scham und Schrecken über ihre Untaten haben die Deutschen nach 1945 in eine mürrisch tatenarme Ängstlichkeit gelockt. Sie wollen als Volk dies und das, aber nicht erwachsen werden. In der heutigen Welt und in Bezug auf die globalen Konflikte, etwa den Krieg zwischen Israel und seinen Todfeinden rundrum, sitzen die Deutschen wieder tatenarm auf dem hölzernen Schaukelpferd der Weltgeschichte. Rein ökonomisch ist das wiedervereinigte Deutschland ein erwachsener erfolgreicher Mann, militärisch ein halbstarker Schwächling, der wenigstens als Sanitäter und Aufbauhelfer in Krisenregionen sich von der UNO schicken lässt.
Aber weltpolitisch wollen die deutschen Kinder und Kindeskinder der Nazigeneration partout nicht runter vom Schaukelpferd einer selbstverschuldeten Unmündigkeit. Dieses Sich-aus allem-Heraushalten, diese scheuschlaue, diese lebensdumme Tatenlosigkeit im Streit der Welt ist in der praktischen Auswirkung aber ein folgenreiches Tun, will sagen: ein folgenschweres Lassen.
Aus meiner Sicht war es, wie Napoleons Außenminister Talleyerand formuliert hätte, schlimmer als ein Verbrechen, es war ein Fehler, dass Deutschland sich im Jahre 2003 nicht auf die Seite der Amerikaner und Engländer gestellt hat im Streit um den Irak.
Unter uns gesagt: Ich bin sogar der Meinung, dass im Grunde der französische Präsident Chirac und sein kleiner deutscher Kumpel, der falsche Pazifist und Bundeskanzler Schröder eine große Mitschuld am Irakkrieg der Amerikaner und Briten gegen das Terror-Regime von Saddam Hussein haben. Der Krieg vor drei Jahren hätte womöglich vermieden werden können. Warum Schuld? Weil der Diktator Hussein vorsorglich abgetreten wäre, wenn der Westen mit einer Zunge gesprochen, mit einer Faust gedroht und gemeinsam gehandelt hätte. Ja, ich denke, dass die Deutschen und die Franzosen Schuld am Schicksal dieses Monumental-Lumpen sind. Weil sie durch ihre Appeasement-Politik Saddam Hussein in Bagdad getäuscht haben, weil sie ihm vor dem Krieg die Illusion suggerierten, er käme mal wieder elegant davon und abermals durch, mit seinen totalitären Tricks, blieb der Diktator stur. Dieser ausgekochte Überlebenskünstler und panarabische Nationalsozialist der Baath-Partei in Bagdad hätte nachgegeben und das Angebot eines Luxus-Exils in Saudi-Arabien angenommen, wenn ihm damals eindeutig klar gewesen wäre, dass er aus seinen parfümierten Kitschpalästen gejagt wird und in einem stinkenden Erdloch landet. Wenn damals Saddam Hussein gewusst hätte, dass er seine monströsen Söhne verliert, seine affige Allmacht, seine kriminellen Familienbande, und am Ende in einem Eisenkäfig vor Gericht steht und am Galgen endet, hätte er den Schwanz eingezogen, denn er ist kein wahnsinniger Hitler.
Der schlaue Saddam rechnete damals nicht damit, dass Bush und Blair so naiv sind und einen Krieg wagen, ohne ihre wichtigsten Verbündeten Chirac und Schröder.
Über all diese Fragen streite ich mich auch hier in Israel gelegentlich mit Freunden. Ja, wir streiten, aber wir kennen und erkennen einander immer besser. Ich lebe auch sehr angenehm mit kritischen Freunden umgürtet, in meiner Vaterstadt Hamburg. Aber mein Vaterland wurde in den letzten Jahren immer mehr dieses fremdvertraute Israel.
...Besonders die westeuropäisch orientierten, die aschkenasischen Israelis sind immer tiefer enttäuscht über die aggressive Ignoranz der ungnädigen Zuschauer in der westlichen Welt, die sich die Nah-Ost-Tragödie mehr oder weniger gelangweilt wie eine Seifenoper im Fernsehn anschaun.
Auch in mir wachsen Furcht und Sorgen, denn das nahöstliche Israel ist der bedrohteste Teil der fernwestlichen Zivilisation.
Was könnte ich aus deutscher Sicht schon Rettendes herausfinden in dieser alten Tragödie. In diesem historischen Trauerspiel kann es kein happy end geben. Wir wissen doch alle seit Sophokles, dass in einer echten Tragödie immer alle widerstreitenden Parteien aus ihrer Position Recht haben und dass die Personae dramatis deshalb nur entscheiden können, ob sie diesen oder lieber einen anderen Fehler machen.
Falsch ist alles! Ja, heillos ist in dieser tragischen Konstellation jedes Tun und jedes Lassen. Und jeder Weg führt in die Katastrophe.
Den Gaza-Streifen besetzen ist falsch, den Gaza räumen ist falsch.
In Deutschland lieben es die Meinungsmacher, den Zaun, mit dem sich Israel schützt in Erinnerung an das geteilte Deutschland, gehässig eine Mauer zu nennen. Ich lebte lange genug hinter der Mauer in Berlin und weiß, wie grundfalsch und wie zynisch diese Gleichsetzung ist.
Dennoch bleibt das Dilemma: diesen Zaun zu bauen ist falsch, aber den Zaun nicht zu bauen ist - vermute ich - noch falscher.
Immerhin weiß ich dies und sage es zu Hause in Deutschland auch klipp und klar: Die ungeduldigen Zuschauer werden endlich kapieren müssen, dass es keine Endlösung gibt für den Konflikt zwischen den Juden und den Arabern.
Hier in Israel würde ich das Gegenteil sagen: Die verzweifelten Israelis müssen rauskriegen, dass es für diesen unauflösbaren Streit doch Lösungen gibt. Warum? Weil es sie geben muss. Ihr hier kennt das genauer als die Deutschen: Es ist der Bruderzwist zwischen Ismael und Isaak. Diese tragische Geschichte beginnt mit Abrahams Feigheit gegenüber Gott und gegenüber seiner Frau Sarah, als er nach der Geburt des Isaak sein Kebsweib und ihr Kind aus dem Haus jagte. Er beging einen folgenreiche Fehler, als er die Ägypterin Hagar und seinen wilden Sohn Ismael - nur mit einem Stück Brot als Proviant und einem Schluck Wasser - in die Wüste schickte, also in den sicheren Tod.
Gut, wir wissen: Gott rettete die Verstoßenen.
Aber damit begann eine Tragödie, die noch lange nicht zuende ist.
Aber reden wir von der banalen Tagespolitik! Israels Image bei den Deutschen war schon besser. Die erste und die zweite Intifada.
Eine Riesenrolle spielt das suggestive Bild von halben Kindern, die mit Steinen auf hochmoderne Panzer werfen. Der Staat Israel hatte in Deutschland einst eine bessere Presse. Die Deutschen hatten drei Jahrzehnte nach dem Holocaust dem jüdischen Volk schon fast verziehn, was sie ihm angetan haben. Die Täter werden nun aber mehr und mehr ungnädig angesichts dieses heillosen Dauerkonflikts ihrer Opfer.
Er stört die Verdauung, es behindert die Geschäfte und verdirbt die Gemütlichkeit. Immer wieder höre ich das kalt-herzliche Argument: Diese Juden müssten doch in der Nazizeit am eigenen Leibe gelernt haben, was Unterdrückung ist.
Na eben!! halte ich dann heiß-herzlos dagegen, die Überlebenden haben die Shoa-Lektion gelernt und wollen sich niemals wieder abschlachten lassen.
Die simpleren Durchschnittsdeutschen ergreifen mit wachsender Haltlosigkeit Partei auf Seiten der Araber, obwohl die ja nichts weniger wollen als Israel ausrotten. Es wird wieder der Refrain des alten Liedes geschwiegen, manchmal geknurrt und manchmal geplärrt: Die Juden sind an allem schuld! Und auf den reflexhaften Vorwurf des Antisemitismus antworten unsere moderneren Judenhasser cool: "Man wird Freunde doch kritisieren dürfen!" Mit dem scharfen Auge starren die Deutschen auf die Juden in Israel, mit dem blinden Auge glotzen sie auf die Araber in Palästina.
Die Franzosen sind nicht so sentimental. Die politische Klasse der Grande Nation zittert rational illusionslos vor der arabischen Welt, weil sie Todesängste hat vor den französischen Arabern im eigenen Land. Als gelernte Kolonialmacht verfolgt das selbstbewusste Frankreich viel brutaler seine geopolitischen Macht- und Wirtschaftsinteressen als die verunsicherten Deutschen. Das romantische Verständnis der Deutschen für die Araber im Nahostkonflikt hat fast pädagogische Gründe.
Sie halten die Araber für affige Wilde, für unmündige Menschen dritter Klasse, an die man noch keine aufklärerisch-humanen Maßstäbe anlegen kann und also auch nicht darf. Die Zuneigung der Deutschen für alle kulturell zurückgeblieben Völker ist eine Art von vormundschaftlicher Verachtung. Die Araber erhalten in Europa den Bonus einer nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der schwärmerische Respekt vor dem Fremdländischen ist nur eine Mischung aus Bequemlichkeit und Hochmut. Ich sehe im Multi-Kulti-Geschwärme meiner alternaiven Zeitgenossen die neue Version des Rassendünkels von gestern. Wenn die Zahlmeister der EU regelmäßig Alimente an die Palästinenser überweisen, dann wollen sie es nicht wahr haben, dass im Gaza-Streifen sich die abgeklärten Massenmörder der Fatah mit den fanatischen Massenmördern der Hamas eigentlich nur über den Weg zur Endlösung der Judenfrage streiten, denn im Grunde sind sie alle einer Meinung: Israel muss vernichtet werden! Da nützt es der politischen Aufklärung in Deutschland gar nichts, wenn in großen Zeitungen sogar die skandalöse Hamas-Charta abgedruckt wird, in der Jedermann schwarz auf weiß lesen kann: "Israel wird aufsteigen und aufrecht bleiben, bis der Islam es vernichtet, so wie er seine Vorgänger vernichtet hat. ...
Dank der Ausbreitung der Moslems über die ganze Welt, die die Sache von Hamas verfolgen...., ist die Bewegung eine universelle. Sie ist dazu befähigt aufgrund der Klarheit ihres Denkens, des Adels ihrer Absicht und der Erhabenheit ihrer Ziele. ....Wer ihren Wert anzweifelt oder es vermeidet, sie zu unterstützen, oder so blind ist, ihre Rolle zu leugnen, fordert das Schicksal heraus. .... Der Prophet, Segen und Friede sei mit ihm, hat gesagt: Der jüngste Tag wird nicht kommen, bevor nicht die Moslems gegen die Juden kämpfen (und die Juden töten) und der Jude sich hinter Steinen und Bäumen verbirgt. Die Steine und Bäume werden sagen: Oh Moslem! da versteckt sich ein Jude hinter mir, komm, töte ihn!... Friedensinitiativen, die sogenannten friedlichen Lösungen und internationale Konferenzen laufen allesamt den Überzeugungen der Hamas zuwider."
Der Slogan "Die Juden sind an allem schuld" ist offenbar so unausrottbar wie das dumme Vorurteil, dass alle Juden besonders intelligent sind.
Die Juden waren immer und bleiben auch für das gebildete Elite-Pack an allem schuld. Mit solch einer Idiotie lebt es sich bequem. Schuld sind die Juden am Amoklauf der bombenumgürteten Selbstmordmörder der Hamas und der Hisbollah. Die jüdischen Neo-Cons in New York haben den bigotten Simpel George W. Bush in den Krieg gegen den Diktator Saddam Hussein getrieben. Die Juden sind durch ihre globale Machtpolitik schuld an der Atombombenproduktion des Iran.
Der Geldjude treibt im Börsengeschäft mit Hilfe des Internationalen Währungs-Fonds (IWF) die armen Länder immer tiefer in die Schuldenfalle. Also ist der Jude auch schuld am Hunger in der Welt, an den massenmörderischen Bürgerkriegen in Afrika.
Das erklärten mir drei blutjunge Türken - Analphabeten sowohl in Türkisch als auch in Deutsch - auf dem Nachhauseweg vom Fußballplatz des Hamburger FC St Pauli. Sie wussten ganz genau, dass der Anschlag auf das World Trade-Center in New York eine Inszenierung des Mossad war. Beweis: Alle Juden sind an diesem Tag nicht zur Arbeit gekommen in die Zwillingstürme. Und diese Idioten-Logik gilt auch für hochgebildete Schwachköpfe. Aus ihrer Sicht ist es auch die Schuld der jüdischen Kriegsgewinnler, dass die deutschen Steuerzahler jetzt teure Kriegsschiffe zum Libanon schicken müssen. Die überchochmetzte Variante: Wir müssen die Juden schützen vor den Juden.
Die journalistische Ausgewogenheit der Berichterstattung ist etwa für das populäre deutsche Wochenmagazin STERN nur noch eine zynische Pose.
Und das wirkungsmächtigste Blatt des Westens, der SPIEGEL, beugt sich der antisraelischen Stimmung in Deutschland und bestärkt sie zugleich im Tonfall einer ironischen Ausgewogenheit. Auch die meisten Nachrichten im Radio, die verschiedenen Fernsehsender - fast alle singen mit falscher Stimme und echtem Gefühl, so wie das deutsche Harfenmädchen in Heines Wintermärchen. Unterdes brennt Israel unter dem Raketenhimmel. Die Juden sitzen wieder in den Bunkern, fliehen von Süden nach Norden. Aber das Land ist klein. Die arabischen Raketen fliegen immer weiter und treffen immer genauer. Der Libanon brennt unter dem Bombenhimmel der blindverzweifelten Militärmacht Israel.
Standardkommentar der Deutschen: "...und das alles nur wegen zwei entführter Soldaten..." Die Israelis werden als grausam rachsüchtige Kinderschlächter dargestellt, die eine christlich-moslemische Zivilisation in die Steinzeit zurückbomben wollen. In Wirklichkeit aber sind es die Araber im unaufgeklärten Geiste des frühen Mittelalters, die Israel ausrotten und im nächsten Schritt dann auch die gesamte westliche Zivilisation vernichten wollen.
Mein alter Freund, der Historiker des Jüdischen Widerstands, Arno Lustiger sagte mir dasselbe schön kurz: Wenn die Araber die Waffen endlich niederlegen, wird es keinen Krieg mehr geben. Aber wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben.
Die Satellitenschüsseln sammeln das immer frische Blut und kippen es global den Zuschauern in die Wohnzimmer. Wir sind alle in unseren Wohnzimmern Voyeure und parasitäre Blutsäufer geworden. Die arabischen Propagandisten baden sich freudebesoffen im vergossenen Blut, aber nicht nur im Blut der Israelis, sondern auch im Blut der arabischen Opfer des Krieges hier. Jedes tote arabische Kind ist ein kleiner Sieg im Medienkrieg. Der füllige Anführer der Hisbollah predigt im Libanon mit seiner sanften ruhigen Stimme, dass auch arabische Bürger des Staates Israel, die gelegentlich von den Raketen der Hisbollah getötet werden, froh sein sollen, denn sie werden in Allahs Himmel als Märtyrer ins Paradies eingehn.
Und der durchgeknallte Führer des Iran, der das ganze Gemetzel finanziert, schreibt die Reden von Goebbels und Hitler ab, schülerhaft wortwörtlich. Alle Welt rechnet damit: Er wird bald seine iranische Atombombe haben und auch noch die Trägerraketen als fliegenden Teppiche dazu.
Wie geht dieses mal die alte persische Geschichte von Ester am Persischen Hof aus? Sind wir so besoffen ohne Alkohol, dass wir den Mörder Haman und den Retter Mordechai nicht mehr unterscheiden können? Immerhin lieferte die moderne Wiedergänger von Haman vor kurzem auch einen eigenen originellen Gedanken. Er drohte: Wir werden den Juden einen Gefallen tun und ihre Auschwitzlüge vom Holocaust in eine Wahrheit verwandeln, denn wir werden die Endlösung der Judenfrage verwirklichen. All diese Informationen sind in deutschen Massenmedien präsent, aber es kratzt die Masse der Bevölkerung nicht.
Der Chef des Iran machte der staunenden Menschheit eine makabere Rechnung auf: Wenn bei einem atomaren Krieg eine Atombombe auf Israel fällt, sind endlich alle 5 Millionen Juden auf einen Schlag tot.
Wenn aber Israel kurz vorher noch die Raketen für den Gegenschlag abfeuert, werden vielleicht 15 Millionen Araber sterben - was tut das! - dann haben wir eben 15 Millionen Märtyrer mehr im Himmel. Aber auf der Erde bleiben über eine Milliarde Moslems am Leben und werden dann unaufhaltsam die Welt erobern.
Sie hier sollen klar und kalt wissen, dass auch den Deutschen diese Fakten bekannt sind, und trotzdem stecken sie den Kopf in den Sand, sie kuschen vor der großen moslemischen Welt mit vorauseilender Feigheit. Sie wollen sich durch Wohlverhalten die Exportmärkte erhalten, die Rohstoffquellen sichern und sich die Terroristen im eigenen Lande vom Halse halten. Es gibt in Deutschland einen spöttischen Spruch über den Schutzpatron der Feuerwehr: "O heiliger Sankt Florian! / verschon`mein Haus, zünd andre an!"
Ist es Ihnen ärgerlich aufgestoßen? Ich sage ungeniert Die Amerikaner, DIE Juden, spreche von DEN Arabern, von DEN Israelis. Ich sage auch DIE Deutschen! Uns hier muss kein Besserwisser verklaren, dass es sehr verschiedene Deutsche, Juden und Araber und Israelis und Amerikaner gibt, das wissen wir selber und womöglich genauer. Dennoch dürfen und müssen wir erst mal generalisieren, schon, damit wir dann im nächsten Schritt auf dem argen Weg der Erkenntnis voranschreiten und differenzieren können. Das verachtete Schubladendenken ist notwendig, denn es gibt kein Denken ohne alle Schubladen. Man kann nämlich nur Schubladen zerbrechen, die man hat. Menschen brauchen mehr oder weniger manifeste Vorurteile, um sich zurechtzufinden im Balagan (Hebräisch für Tohuwabohu) des Lebens. Aber das ist klar: Wir brauchen auch den Mut und die Kraft, uns immer wieder zu korrigieren. Nur so bewegt sich das Denken und nur so entfaltet sich auch das humane Handeln. Was mich als Deutschen anwidert, das ist die breitmäulige Besserwisserei der Wenigwisser in Europa gegenüber dem Nahostkonflikt.
Die gröberen Deutschen habe ich geschildert. Die feineren und gebildeteren Deutschen sind moderater. Sie halten sich bedeckt mit einer schmallippigen Äquidistanz. Sie sagen: Juden und Araber sind gleich dumm und verbohrt, beide sind gleich schuld! Die blutigen Streithähne sollen sich endlich vertragen! Die politischen Schöngeister werfen sich süffisant in die ironische Pose der schönen Donna Blanca in Heines berühmten Gedicht "Religionsdisput", wo am Ende der Maulschlacht zwischen Rabbi und Pfaffe die junge Königin in der Loge sitzt. Der König hat schon die Schnauze voll von dem Wortegemetzel der Eiferer und Geiferer in der Kampfarena und fragt endlich seine Frau: Wer von beiden hat denn nun gesiegt? Und was sie ihm antwortet, ist ein geflügeltes Wort geworden: „Welcher Recht hat, weiß ich nicht. Doch es will mich schier bedünken, dass der Rabbi und der Mönch, dass sie alle beide stinken."
Jeder Krieg stinkt.
Böse sind auch die Krieger auf Seiten der Guten. Unrecht tun auch die Kämpfer, die ihre Freiheit verteidigen. Es brüllen auch die Gerechten, wenn sie blindwütig um ihr Überleben kämpfen.
George Orwell hat es uns aus seinen Erfahrungen als Soldat der Interbrigaden im Spanischen Bürgerkrieg genau genug geschildert. Es gibt zwischen den Schützengräben keine klaren moralischen Grenzen. Das gilt nicht nur für die Soldaten, sondern vor allem auch für die Opfer in der Zivilbevölkerung.
Als ich mit meiner Mutter 1943 unter dem Bombenhimmel in Hamburg lag, hieß der Geheimcode für den Angriff der Fliegenden Festung aus Großbritannien "Sodom und Gomorrha". Der biblische Name stößt uns in das Problem von vor ein paar tausend Jahren: Was nämlich, wenn in solch einer Stadt, die der rächende Gott verderben will mit modernen Bombenflugzeugen, auch nur fünfzig oder sogar nur zehn schuldlose Menschen leben, die dann auch alle verderben müssen?! In meiner Ballade über "Jan Gat unter dem Himmel in Rotterdam" schrieb ich den Vers: „Und weil ich unter dem gelben Stern In Deutschland geboren bin Drum nahmen wir die englischen Bomben Wie Himmelsgeschenke hin."
Ihr seht, liebe Freunde, ich habe keine Hoffnung. Aber trotzalledem: Die Hoffnung hat mich. Und darum hofft es in mir. Es hofft darauf, dass die Juden und die Araber rund um das kleine Israel den unlösbaren Konflikt doch noch so lösen, dass wenigstens die einander treuen Todfeinde am Leben bleiben.
Immer mehr Kommentatoren erklären, dass hier kein Rassen- kein Klassen- und kein Religionskrieg tobt, sondern ein Krieg der Kulturen.
Die Welt des Islam scheint heute gegen die Werte des Abendlandes zu stehen. Ich aber sehe in diesem Konflikt zweier nicht kompatibler Kulturen ein Scheinproblem. Für mich gehören auch die Millionen Moslems zur sogenannten Zivilisation. Es sind Nachfahren einer altehrwürdigen geistigen Tradition. Geniale Baumeister, göttliche Handwerker, begnadete Dichter, weise Philosophen. Es sind die Nachgeborenen Ismaels, die schon den Lauf der Sterne berechneten, als wir in den Wäldern Germaniens noch auf der Bärenhaut schnarchten.
Und schon gar nicht kann ich ein Feind der unterdrückten arabischen Völker sein, die heute in totalitären Militärdiktaturen verblöden, in gotteslästerlichen Gottesstaaten verkommen und ohne Menschenrechte dahinvegetieren. Sogar die verblendeten und fanatisierten Intifada-kids und ihre jubelnden Heldenmütter und all die analphabetisierten Männer, wie sie jetzt in Westjordanland für jeden falschen Märtyrer Freudentänze machten, kann ich nicht so einfach aus meiner Menschheit ausschließen.
Aber die Palästinenser selbst! Sie werden von ihren arabischen Brüdern aus der Menschheit de facto ausgeschlossen und werden vorgeschickt und missbraucht. Die riesigen reichen arabischen Länder rund um Israel mit ihren gewaltigen Ressourcen an fruchtbarem Land und Bodenschätzen und uralter Hoch-Kultur sollten ihre Ölmilliarden investieren, um diesen Elendsten unter ihren Brüdern ein friedliches Leben zu ermöglichen.
Das wissen wir alle, auch ohne Christentum: Es hilft gegen Gewalt außer Gewalt auch Gewaltlosigkeit. Ja, es hilft auch Gerechtigkeit, es helfen Liebe und Güte, womöglich Bildung, Verzeihen und selbstkritische Demut. Aber das bleibt für mich das humane Drama: Ohne entschlossene Gewalt gegen bis an die Zähne bewaffnete religiöse Fanatiker oder andere fundamentalistische Menschheitsretter haben wir Menschen nicht mal die Chance zu einem Streitgespräch über die letzten Dinge zwischen Himmel und Erde.
Wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich im Berliner Ensemble am Brechtplatz ein neues Lied singen und bin gespannt auf die Gesichter, die ich in den ersten Reihen gegen das Licht der Scheinwerfer an der Rampe erkennen kann. Es ist ein Gedicht über den Mond, der, von Israel kommend, das Mittelmeer überquert und nun über dem Pyrenäen-Gebirge aufsteigt. Er zeigt den Katalanen in Banyuls sur Mer und in Port Bou das Blut aus dem Krieg der beiden Brüder Ismael und Isaak. Seit des Philosophen Hegels Erkenntnis über die Philosophie der Weltgeschichte hat es sich auch bis zu mir herumgesprochen: Wirklich tiefe historische Konflikte haben keine Lösung sondern immer nur eine Geschichte.
ROTER MOND ÜBER BANYULS SUR MER Das ging so schnell: Vom Dämmerlicht in schwarze Nacht Da schwebten wir auf der Terrasse überm Dach Tief unter uns die Bucht.
Wir sahn das Lampenlicht Im Wasser zittern, hörten paar Sardanafetzen Genossen den Ein-Euro-Wein, den würzig Weißen Aus Peralada.
Hoch im Himmel mußte wohl ´ne Herde Wolken wandern, weil ja zwei Sterne nur Auf uns herunterblinkten.
Plötzlich stieg der Mond Doch noch am Horizont im Osten aus den Fluten
Den roten Mond als Riesenfratze sahn wir bluten Wie´n Menetekel drohender Gefahr.
Er kam Sein´ Weg von Gaza hoch, über das Mittelmeer Wir sahn das Blut von Isaak und Ismael Blutrot verschmiert stieg auf das nackte Mondgesicht Nun wuchs ihm grau ´ne Wolkensträhne in die Stirn Und schon verschwand er, tauchte hoch ins tiefe Schwarz - wir alle sind ja reingezogen in den Krieg Der beiden Söhne aus dem Samen Abrahams
COUPLET Das sind Tragödien der andern Art Da hilft kein gutgemeinter Rat Da hilft kein Treueschwur Kein frommer Fluch Kein kluggeschissnes Friedens-Buch Da hilft kein Aufschrei in der Welt Kein feige abgedrücktes Geld Schon gaanich Biermann seine Gedichte Konflikte dieser Kategorie Für die gibts keine Lösung.
Nie! Die haben nur eine Geschichte __________________________
Gut, das sind Verse über eine fatal pessimistische Gemütsbewegung.
Aber ich sehe doch eine Hoffnung - und das sind die Frauen in dieser Geschichte. Diese Tatsache gerät allmählich ins Bewusstsein auch der Deutschen: Die Frauen unter den Moslems leiden viel mehr als ihre kaputten Männer. Die Frauen haben einen viel größeren Leidensdruck, der sie womöglich in das treibt, was Heinrich Heine in seinem Gedicht "Enfant perdu" den ewigen Freiheitskrieg der Menschheit nannte. Der französische Dichter Louis Aragon schrieb mal den Satz: "La femme est l´avenir de l´homme". Dabei wissen wir: Dieser Louis Aragon war ein parfümierter Stalinist in Paris. Aber sein Wort gefällt mir. Ich habe jahrzehntelang im totalitären Regime des Stalinismus beobachtet, dass die Frauen auch dort doppelt und sogar dreifach unterdrückt wurden, nämlich nicht nur vom Regime, sondern auch noch von ihren Männern. Diese Frauen sind aber nicht so ganz kaputt gegangen. Warum? Ich vermute: Weil ihr Leben noch härter und noch viel elender war als das der Männer.
Sie mussten neben der Zwangsarbeit in den Fabriken und Kolchosen noch die Familie verteidigen, sie mussten Kinder kriegen und erziehen.
Mütter mussten am Abend schnell noch einkaufen gehn in dieser chronischen Mangelwirtschaft. Die Frauen kochten das Essen, sie mussten bedienen, gesund pflegen, sie mussten Wäsche waschen und Geschirr abwaschen. Und sie mussten nachts womöglich noch den besoffenen Mann von der Glotze wegzotteln und ihn im Bett trösten über sein verpfuschtes Leben als abgestumpfter Untertan einer Diktatur.
All diese Belastungen trainierten offenbar die weiblichen Widerstandskräfte.
Die menschliche Substanz der Frauen in totalitären Gesellschaften ist nicht so total zerstört.
Eurem zionistischen Gründungsvater David Ben Gurion wird der Satz in den Mund gelegt: "Wer nicht an Wunder glaubt, der ist kein Realist." - Ich stand in der Negev-Wüste im Kibbuz Sede Boker zusammen mit Jonath Sened.
Diese israelische Schriftstellerin hat als kleines Mädchen bei Jizchak Katzenelson in einem Keller im Warschauer Ghetto Hebräisch gelernt.
Sie zeigte mir das Arbeitszimmerchen Eures Staatsgründers. Mir gefällt sein berühmter Satz. Auch ich glaube an Wunder, denn es ist schon ein doppeltes Wunder: Erstens, dass es uns Menschen überhaupt gibt.
Und zweitens, dass wir noch immer leben. Ich glaube an das verzweifelte Lied aus dem Ghetto Wilna im Jahre 1943: Mir lebn ejbig...
Nach dem Vortrag gab es die übliche Diskussion.
Zum Abschluss meldete sich ein Israeli mit dem Einwand, dass doch Araber die gleichen Rechte hätten wie die Israelis, und dass israelische Mütter um ihre toten Söhne genauso tränen vergießen wie die arabischen Mütter, deren Sohne ins sogenannte Paradies gegangen seien, womit er wohl die „Märtyrer" und Selbstmordattentäter meinte.
Biermann reagierte nach kurzem Nachdenken:
"Es wird Sie vielleicht wundern, aber ich kann dem nur zustimmen. Ich bin gar nicht anderer Meinung als Sie. Nur, ich komme aus einem Land wo mit dem Wort Hoffnung viel Schindluder getrieben wird. Wir haben einen Philosophen, Bloch, der hat ein Werk geschrieben: Das Prinzip Hoffnung. Dort wird der Begriff Hoffnung wie eine Schlaftablette, ein Tranquilizer, gegeben. 'Wir müssen hoffen...' Nein, wenn wir überhaupt Hoffnung haben können, meiner Meinung nach, dann nur aus der tiefsten Hoffnungslosigkeit. Die Tränen der Mütter, die um ihre Kinder weinen, sind immer salzig. Darüber habe ich sogar ein Lied geschrieben, über die Tränen der Mütter in diesem Konflikt. Das weiß ich. Und das eigene Leid ist sowieso immer das größte. Das kenne ich von mir. Natürlich hat jeder seine eigenen Leiden näher an sich dran. Und das in einem tragischen Konflikt, und es ist ein tragischer Konflikt, wo beide Seiten recht haben. Das ist ja die Tragik. Wenn das im Theater passiert, nickt jeder Dummkopf und sagt: stimmt. Bei Shakespeare, bei Sophokles. Aber wenn es im wirklichen Leben passiert, wollen sie es nicht wahrhaben. Dann wollen sie nicht glauben, dass die andere Seite genauso recht hat. Aber Sie haben recht. Die Araber haben genauso recht wie die Juden. Das ist mir bewusst. Trotzdem sind sie nicht gleich in diesem Konflikt. Und das dürfen Sie nicht mit Ihrer Gerechtigkeitsphilosophie überdecken. Das ist falsch nach meiner Meinung."
Biermann erzählt von seinem Freund Eran Banuel vom Khantheater, der ihn nach dem „ersten Weltkrieg", Biermann korrigiert sich und meint „ersten Golfkrieg", zum ersten Mal nach Jerusalem eingeladen habe. Der habe ein Projekt gemacht mit arabischen und jüdischen Schauspielern: „Romeo und Julia".
"Ich hab mir das hier angeguckt. Die Hälfte des Publikums bestand aus Sicherheitsleuten. Und das war leider auch nötig. Und ich verstand auch sofort, was er mir erklärte, dass die Julia unbedingt eine Jüdin sein muss und der Romeo ein Araber. Umgekehrt geht es nicht. Das muss ich Ihnen nicht erklären, das wissen Sie viel besser als ich. Und als ich das dem Amos Oz erzählte, eurem berühmten Romanschriftsteller, da kriegte er einen sehr interessanten Wutanfall. Ich komme als kleiner Deutscher dahin und höre natürlich, was sagen die, was erzählen die, und der Amos Oz, der sagt: 'Die Juden und die Araber, die sollen nicht in ein Bett, sondern in zwei Staaten.'
Ich habe dieselbe Inszenierung, hier vom Khan-Theater, mit den Arabern und den Juden in Paris gesehen. Das war sehr interessant für mich. Da waren nicht so viele Sicherheitsbeamte, aber wer war da als Publikum? Das Publikum war mindestens so interessant wie die Inszenierung. Ich fand das Publikum interessanter. Es waren alles diese gutbürgerlichen, etwas links angehauchten Gutmenschen, dass diese blöden Juden und diese blöden Araber huhuhuhu machen. Machts doch endlich. Sehen Sie, die waren zufrieden, weil sie keine Ahnung haben, weil sie nicht wissen, wie tief diese Tragödie hier ist. Und es auch nicht wissen wollen. Und Sie verstehen, das war eine sehr kulinarische Form der Heuchelei. Das war Tartüffisch, Moliere hätte das Stück schreiben müssen. Und nicht Shakespeare.
Also auch wenn ich weiß, dass das eine Tragödie ist, hier, wo alle recht haben, wie in einer richtigen Tragödie, bin ich doch nicht auf beiden Seiten. Ich will nicht, nachdem schon meine ganze jüdische Familie ermordet wurde, dass der Rest nun auch noch ermordet wird. Das ist mir zuviel.
Ich weiß, dass Sie darauf etwas sehr intelligentes antworten können. Weil das Problem so kompliziert ist, so tief ist. Auch darüber haben wir schon hundert Mal gesprochen. Aber, ich gebe zu, ich habe keine Äquidistanz. Das kann ich nicht haben. Ich will Ihnen sogar die Wahrheit sagen.
Wenn ich nicht zufällig so ein halber Jude wäre, nach der Halacha (jüdisches Religionsgesetz) bin ich überhaupt kein Jude, weil meine Mutter doch gojisch ist, aber die wahre Jüdin in unserer Familie war meine Mutter. Wie oft in solchen Familien. Das wissen Sie doch. Und das komische, man würde sagen, das Makabre – ich habe es in einem Dokument in Yad Vaschem gefunden - über die Halbjuden, ich bin nach offizieller Nazi-Terminologie ein „Mischling ersten Grades". Und das ist auch interessant, über Kulturgeschichte der Völker, dass ich für die Nazis, für Herrn Hitler persönlich, war ich mehr jüdisch, weil bei den Nazis der Vater viel wichtiger ist. Die Frau ist doch nur ein Gefäß, in das der Mann seinen Samen rammt. Die ist doch gar kein Mensch. Also ist der Vater wichtig, in der patriarchalischen Gesellschaft. Also bin ich nach Hitler Maßstäben besonders jüdisch.
Mir ist das alles egal, ich möchte gerne ein Mensch sein. Aber hört sich auch gut an und kostet mich keine fünf Pfennige, dieser Satz. Das wollen alle sein. Aber...kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Wenn mein Vater SS-Obersturmbannführer gewesen wäre, was ja statistisch viel wahrscheinlicher war, in Deutschland, weiß ich nicht wie ich dann hier stehen würde, ob ich überhaupt hier stehen würde. Aber eines kann ich Ihnen sagen, ich bin mit sechzehn Jahren gegen den Strom der Flüchtlinge nach Osten gegangen, und wunderte mich, dass mir so viele Leute entgegenkommen, und war übrigens in den ersten Jahren, nur damit Sie es wissen, sehr glücklich, weil ich doch im Arbeiter und Bauernparadies angekommen war. Ich war geschützt durch Unwissenheit. Also glücklich.
Wunderbare Situation. Aber leider bleibt man nicht dumm und so kam ich mehr und mehr in Konflikt mit den Herrschenden. Zuerst sehr zögerlich und sehr bescheiden. Und immer im Zweifel ob ich nicht im Irrtum bin und die Genossen der Partei doch recht haben. Aber dann kam ich in dei Rolle des Drachentöters in der Diktatur und hatte ein Holzschwert mit sechs Saiten drauf. Natürlich, die Gitarre. Und für mich ist es ganz klar. Wenn ich ein Nazikind gewesen wäre, durch Zufall der Geburt, hätte ich diese Rolle in diesem großen Theaterstück in Deutschland nicht spielen können. Weil die Nazikinder, die waren sehr bescheidene Kinder. Sie schämten sich für ihre Eltern. Sie waren ehrlich und waren deswegen nicht so frech gegenüber den Bonzen der Partei in der DDR. Ich sprach aber mit der ganzen Anmaßung des rechtmäßigen Erben. Ich habe nicht bescheiden gesagt: 'Meint Ihr nicht, Genossen, dass dieses oder jenes etwas anders machen könnte. Ich weiß, dass ich nichts weiß, ich weiß dass ich mich irren kann. Aber meint Ihr nicht, man könnte ein bisschen...' So haben die Nazikinder gesprochen und die waren auch nicht dumm. Und auch keine Feiglinge.
Ich hatte ein paar Freunde, solche: Volker Braun, Christa Wolff. Die Namen kennt Ihr vielleicht. Das sind keine Schweine und keine Dummköpfe. Aber schämten sich für ihre Eltern, als sie anständige Menschen waren, weil sie es besser machen wollten. Deswegen konnten sich nicht ...äh...so reden. Aber ich, was sollte ich denn machen. Ich sah, dass sie meinen Vater jeden Tag noch mal neu totschlagen, die sogenannten Genossen. Also musste ich das machen. Nur das will ich Ihnen sagen. Wenn ich Angst hatte in diesem Streit und die Angst war begründet. Ich war 12 Jahre verboten. Vor meiner Tür, Tag und Nacht, sechs Spitzel der Stasi. Meine Freunde wurden ins Gefängnis gesperrt. Ich nicht, weil ich zu berühmt war. Jeden Tag hinter mir drei Autos. Jahrelang. Wenn ich Angst hatte, genauer gesagt, auf Deutsch, wenn die Gefahr bestand, dass ich die Angst haben soll, sondern dass die Angst mich hat, dann kam mein kleiner Vater aus Auschwitz und sagte: 'Prost mein lieber Freund. Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt, dann kannst Du wenigstens Dein Wohlleben aufs Spiel setzen.' Wenn man einen solchen guten Toten im Rücken hat, der einem beisteht, dann kann man nur machen. Wenn mein Vater Nazi gewesen wäre, würde ich mich vielleicht auch mehr interessieren für das Schicksal des Onkels, der hier Großmufti von Jerusalem war, Hadsch Amin Husseini. Auch ein Mensch. Hat eine SS-Kompanie aufgebaut für seinen Freund Hitler. Alles Menschen, bestimmt. Aber ich kann doch nicht darüber nachdenken, ob Hitler mit drei Jahren verkehrt herum auf den Topf gesetzt worden ist, und zum Psychiater hätte müssen. In der Weltgeschichte ist es nicht so.
Na ja, Sie sehen, ich weiß es auch nicht. Ich bin nicht hierher gekommen, um Ihnen Ratschläge zu geben. So neu bin ich nicht."
