Henryk M. Broder 10.11.2006 09:38 +Feedback
"The Same Procedure As Every Year!"
Was immer draußen in der Welt passiert, Erdbeben, Kriege, Revolutionen, an zwei Tagen des Jahres steht die Zeit still. Am 9. November und am 31. Dezember. Am 9. November, dem deutschen Schicksalstag, gedenken alle der "Reichskristallnacht" im Jahre 1938, entsprechend der Feststellung von Johannes Gross, dass der Widerstand gegen Hitler und die Seinen umso stärker wird, je länger das Dritte Reich tot ist. Sogar diejenigen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass Ahmadineschad mit Hilfe der Hamas und der Hisbollah das Geschäft vollenden möchte, das die Nazis nicht zu Ende bringen konnten, vergießen ein paar Krokodilstränen über das Schicksal der Juden zur Nazizeit und flehen Himmel und Hölle an, dass so etwas nie wieder passieren dürfe - in Deutschland, um sich spätere Reparationen zu ersparen.
Am 31. Dezember feiert Miss Sophie mit ihren besten Freunden Silvester: Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom. Die Geschichte hat nur einen Haken: Miss Sophie ist nicht mehr die Jüngste, und die Herren sind mittlerweile alle verstorben. Da sie deswegen nicht persönlich anwesend sein können, muss Butler James (Freddie Frinton) die Rollen aller vier Herren übernehmen. "Dinner for One" aus dem Jahre 1963 ist die am häufigsten wiederholte Sendung des deutschen Fernsehens und wurde 1988 im Guinness-Buch der Rekorde als weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion aufgeführt. Allein 2003 wurde der Sketch in Deutschland 19 mal ausgestrahlt, seit 1963 insgesamt 231 mal. (Wikipedia)
So haben die Feiern zur Reichskristallnacht und "Dinner for One" vieles gemeinsam. The same procedure as every year! Dieselben Teilnehmer, dieselben Reden, dieselbe Routine. Doch dieses Jahr war es ein wenig anders. In Hamburg gab es Rock Around the Clock, in Leipzig wurde die Soap "Gute Juden Schlechte Juden" (GJSJ) aufgeführt und in Augsburg über die Not der Muslime geredet. Unsere Volkskorrespondenten berichten:
Mitwippen erwünscht:
http://www.taz.de/pt/2006/11/09/a0138.1/text
WALTER Schmidt: Gute Juden Schlechte Juden:
Nachdem Pfarrer Wolff von der Leipziger Thomaskirche noch im August
während des Libanonkrieges hinter einem Transparent her marschiert war,
auf dem zu lesen stand: "Stoppt die zionistische Aggression seit 1897!"
leitete er heute Abend folgerichtig den Gedenkgottesdienst aus Anlaß
des 68. Jahrestages der Reichspogromnacht vom 9. November 1938, bei der,
wie der eigentliche Name "Reichskristallnacht" schon sagt, allem
Anschein nach lediglich ein paar Fensterscheiben jüdischer Geschäfte sowie
einige jüdische "Kristalleuchter", was immer das auch sein mag, zu
Bruch gegangen waren.
Als interessierter Besucher dieser Veranstaltung kam ich, ehrlich
gesagt, aus dem Staunen gar nicht wieder heraus!
Zunächst intonierte der weltberühmte Leipziger Synagogalchor, der
ausschließlich aus Nichtjuden besteht, wohingegen Juden offenbar
unerwünscht sind, da der wöchentliche Übungsabend mit dem Schabbateingang am Freitagabend zusammenfällt, das Lied für Chor und Orgel: "Erbaue Zion wieder!"
Nanu, dachte ich still bei mir: "Bist Du hier etwa - wider Erwarten und
noch dazu am 9. November - in eine knallharte zionistische Versammlung
hineingeraten und ist der dort hinten sitzende Gottesdienstbesucher mit
seinem langen schwarzen Bart womöglich der leibhaftige Theodor Herzl?"
Doch meine positive Vorfreude, die nur noch durch das Abspielen der
HATIKVAH hätte "getoppt" werden können, wurde jäh gestört, als ich
begann, die Grußworte des Hausherrn der Thomaskirche sowie des
stellvertretenden Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig in ihrer ganzen tiefsinnigen Bedeutung und Tragweite zur Kenntnis zu
nehmen.
Nachdem Pfarrer Wolff eingangs, wie bei solchen Veranstaltungen des
rituellen Gedenkens in der Regel üblich, "den alten braunen Ungeist" in
Form der schrecklich gefährlichen NPD bzw. irgendwelcher
orientierungsloser Neonazis beschworen und die Gefahr einer neuen "Machtergreifung" in sog. "No-Go-Areas" als drohendes Menetekel an die Wand gemalt hatte, wohingegen er die für die real existierenden, heute lebenden Juden bzw. Israelis weltweit existierende Gefahr des Islamismus sowie des iranischen Vernichtungsantisemitismus mit keinem Wort erwähnte, um im Anschluß daran die Betonung des "Existenzrechts Israels" quasi zur
Voraussetzung für die nach seiner Ansicht nicht nur legitime sondern sogar
dringend notwendige Kritik an der fatalen Politik des Staates Israel im
Nahen Osten zu machen, stimmte ihm der stellvertretende Vorsitzende der
Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig tatsächlich in allen wesentlichen Punkten zu, ohne in seiner Ansprache auch nur irgendwelche eigenen Akzente zu setzen.
Schließlich bat Pfarrer Wolff in seiner Fürbitte gegen Ende des
Gottesdienstes um "Frieden für Israel-Palästina", wobei unklar blieb, ob
er damit eher das "historische Palästina" (ohne Juden) oder aber einen
"autonomen Palästinenserstaat" im Rahmen einer gerechten
"Zweistaatenlösung" (ebenfalls ohne Juden) im Nahen Osten meinte.
Da störte es im Grunde am Ende niemand, daß das ursprünglich im
Programm enthaltende Kaddischgebet aufgrund einer kurzfristigen Erkrankung des zuständigen Rabbiners leider ausfallen mußte, denn wozu braucht man nach von soviel christlicher Nächstenliebe geprägtem Gedenken an all die liebgewonnenen toten bzw. wehrlosen Juden von einst und nach
soviel Kritik an den real existierenden Juden bzw. Israelis von heute noch
eine Lobpreisung des Ewigen durch die eingeborenen Kinder Israels?
Nach soviel Anteilnahme von christlicher Seite dachte ich mir:
"Da lob ich mir den ehemaligen aschkenasischen Oberrabiner und
möglichen neuen israelischen Staatspräsidenten Meir Lau, der anläßlich der
Weihung der neuen orthodoxen Synagoge am Münchner Jakobsplatz am
Nachmittag durchaus zu dem einen oder anderen kleinen Scherz an die Adresse der ihm mit der üblichen Trauermiene gegenübersitzenden deutschen Politiker aufgelegt war!" und ging erstmal ins Kaffehaus, um mir dort ein Wiener Schnitzel, einen Kaiserschmarrn, einen Marillenbrand und zum Abschluß, wie immer, einen Kleinen Braunen zu genehmigen.
BERND Dahlenburg: Wenn der Senator erzählt:
Ein gewisser Senator a.D. Hartmann (Friedenspreisträger der Stadt
Augsburg 2003) hatte als Hauptredner (höchst unglückliche Entscheidung) zur
Gedenkstunde der Progromnacht in unserer Augsburger Synagoge u.a. eine
Ursache für alles Übel mangelnder Toleranz parat: Fehlende
Integrationsbemühungen seitens der Gesellschaft gegenüber den Muslimen.
….und dass der Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft zum
Glück nicht angekommen sei...;
Wenigstens hatte der 2. Vorsitzende der JKG in Augsburg, Dr. Manfred
Worm, eine passendere Beschreibung der Wirklichkeit zu bieten. Er sagte, der eliminatorische Antisemitismus in der islamischen Welt sei die größte Bedrohung seit dem Ende des II. Weltkrieges und ein Erbe des deutschen Nationalsozialismus.
Da staunten die der Milli Görüs nahe stehenden eingeladenen Muslime
nicht schlecht. Und einige Pali-Versteher in der GCJZ, der DIG und mache
Kirchenvertreter wohl auch.
Ansonsten habe ich ein paar alte Freunde wieder gesehen und einen
angenehmen Abend verbracht.
