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  30.03.2005  19:14   +Feedback

Die Reise nach Jerusalem 6

Während ich noch darüber nachdenke, wie blöd die Juden und die Araber sind, und daß man das ganze Land in einen Themenpark verwandeln müßte, um den Konflikt so zu lösen, daß beide Seite davon profitieren, fällt mir ein junger Araber auf, der die Ben Jehuda rauf geht.
Er ist etwa 25 Jahre alt und trägt über einer Schulter einen kleinen Rucksack. Nach drei Tagen in Israel bekommt man einen "präventiven" Blick. Man achtet darauf, wer im Cafe neben einem sitzt, wo ein einsames Paket steht und wie sich die Leute bewegen. Das war übrigens schon immer so, aber seit die Palästinenser den Selbstmord als Mittel der Befreiung entdeckt haben, ist der Blick noch schärfer geworden. Früher haben die Terroristen ihre Bomben in Abfallkörben oder Wassermelonen deponiert, heute sind sie selber welche.
Ich schau also dem jungen Araber entgegen, der mit schnellem Schritt näher kommt, plötzlich sehe ich, wie er von einem Motorrad überholt wird, auf dem zwei Männer sitzen, die aussehen, als kämen sie direkt aus einer Kampfschule der Marsianer: schwarze Helme, schwarze Anzüge, schwarze Sonnenbrillen. Auch in Jerusalem ist es nicht üblich, daß man mit Motorrädern durch die Fußgängerzone rast. Men in Black Teil 3? denke ich mir, während der Mann auf dem Beifahrersitz dem Araber den Rücksack entreißt. Ich will schon "Polizei" rufen, da sehe ich, daß auf dem Nummernschild ein großes M steht, für "Mischtara" – Polizei. Der Mann auf dem Beifahrersitz springt ab und verpaßt dem Araber einen gezielten Karatetritt in die Brust. Der taumelt und hebt die Hände hoch. Während der Beifahrer ihn auf Distanz hält, untersucht sein Kollege den Rucksack. Es ist nichts drin, das explodieren könnte. Dann holt der Araber seinen Ausweis aus der Tasche. Auch der ist in Ordnung. Das Ganze dauert höchstens zwei Minuten. Dann nehmen die Men in Black ihre Helme ab, der Araber macht ein Gesicht, als wollte er sagen: Ihr spinnt ja total, aber ich nehms euch nicht übel, so seid ihr eben. Er ist wohl nicht das erste Mal, daß er so etwas erlebt. Er bekommt seinen Ausweis und seinen Rucksack zurück und darf gehen.
Wenn so etwas in einem Themenpark passieren würde, jeden Tag punkt 12 Uhr, wäre es ein Superstunt. Aber hier ist es das wahre Leben. In der Ben Jehuda gab es vor einigen Jahren einen Selbstmordanschlag. Zwei Palästinenser sprengten sich gleichzeitig in die Ewigkeit, und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, nahmen sie vier oder fünf Israelis mit, die gerne ihren Kaffee in Ruhe zu Ende getrunken hätten. Das war an einem Donnerstag. Am nächsten Tag saßen wir alle wieder in der Ben Jehuda, wie jeden Freitag, und demonstrierten Durchhaltewillen, während die letzten Reste der ums Leben Gekommenen vom Pflaster und von den Häuserwänden gekratzt wurden. Einige ausländische TV-Teams drehten die Entsorgungsaktion und befragten Passanten darüber, wie die Israelis mit dem Terror zurecht kommen.
Und so leid mit der Palästinenser tut, der von den Men in Black mitten auf der Ben Jehuda überfallen wurde – er ist mit dem Schrecken davon gekommen.

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