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  17.08.2005  12:33   +Feedback

Katholisch for Dummies

In einer Zeit, da so schwere Verantwortung auf dem Menschen lastet, daß er sowohl sein Genom als auch seine Rente selber in die Hand nehmen muß, in einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation, wo ein unachtsamer Ruck am Lenkrad gleich Menschenleben kostet und wo Atomstrom und Armaggedon dicht beieinander liegen, da ist jedes Entspannungsangebot hochwillkommen. Zum Beispiel das metaphysische Wellness-Programm der katholischen Kirche: erst mal ordentlich gesündigt, dann feste gebeichtet – und weg ist der Fleck. So etwas kennen die Evangelischen leider nicht, bei denen ist immer alles unbedingt und absolut, deswegen haben sie nicht nur den Geist des Kapitalismus hervorgebracht, sondern auch die Pastorensöhne und –töchter der Rote Armee Fraktion. Der Protestant ist allein mit sich und seinem Gott, während der Katholik ständig Hilfe von irgendwelchen Heiligen bekommt und im Zweifelsfall auch klare Anweisungen aus dem vatikanischen Hauptquartier.

Das Ergebnis dieses religiösen Versicherungspakets kann man im heiligen Köln studieren. In Köln gilt nichts hundertprozentig, und wenn es hundertprozentig gilt, dann gilt es nicht an jedem Wochentag. Köln ist die Stadt der humanen Ausnahmen und des kategorischen Konjunktivs. Kant war natürlich Protestant. Als Katholik hätte er eher vom elastischen Imperativ gesprochen. Diese Elastizität erstreckt sich auch auf den Bau von Müllverbrennungsanlagen und Messehallen und die damit verbundenen Schmier- und Schwarzgeldzahlungen. Das Schuldbewußtsein der Beteiligten ist zwar durchaus vorhanden, aber es nimmt unter katholischer Bestrahlung eine sehr poröse Konsistenz an.

Aus der frohen christlichen Botschaft, daß, wo Schuld ist, auch Vergebung sei, hat die katholische Kirche eine Ablaßwirtschaft gemacht, die einst Luther auf die Palme brachte. Aber diese Ablaßerwartung ist heute attraktiver denn je, denn noch nie gab es so viele Gelegenheiten, sich in Sünde zu suhlen. Übrigens gab es auch noch nie so viele Möglichkeiten, in einer Show aufzutreten – und hier hat der Katholizismus ebenfalls einiges zu bieten. Nicht von ungefähr haben viele Fernsehstars als Ministranten angefangen, und nicht von ungefähr ist Köln die deutsche Medienstadt par excellence.

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