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08.01.2012 08:04
Bitte keine Leitfigur
Michael Miersch hat an dieser Stelle treffend die Neigung Christian Wulfs zur salbungsvollen Phrase kritisiert. Wulff kopiere Rau und von Weizsäcker. In der Tat, so wirkt das. Ich glaube aber, dass es einem anderen Präsidentendarsteller nicht viel anders ginge. Schon bei Bruder Johannes wirkte das ganze „vereinen statt spalten“-Geraune beliebig und unterkomplex.
Auch auf die gelegentlich geäußerte Jobbeschreibung von Präsidenten, sie wollten „die Menschen mitnehmen“, reagiert man eher mit Schmunzeln. Wissen sie denn überhaupt, wohin sie uns mitnehmen wollen? Wissen sie, wo es hingeht? Man hat doch in den Tagen der Finanzkrise eher den Eindruck, die Politik reagiere selber gehetzt auf neue Verwerfungen der Märkte. Die Formulierung „die Menschen mitnehmen“ impliziert, dass hier eine Kaste Großdenker und -macher (Politiker) die einfachen Menschen (uns) auf einen Weg einstimmen müssten, den sie selber bestimmen. Das aber ist nicht mehr der Fall. Und „die Menschen da draußen“ wissen auch, …
03.01.2012 16:58
Bild lässt schreiben
Die Vorkommnisse um Bundespräsident Wulff haben einige Leute und Institutionen schlecht aussehen lassen. Doch es gibt auch einen großen Gewinner: Den Springer-Verlag. Natürlich hat Christian Wulffs Mailbox-Wut dem Verlag eine Steilvorlage geliefert. Doch es ist auch ein ziemlicher Coup, wie Kai Diekmann, Mathias Döpfner und Springers PR-Abteilung momentan die gesamte deutsche Medienelite für eine Kampagne „Rettet den unabhängigen Journalismus – rettet die Bild“ einspannen. Gerade für linksliberale Medien und die traditionsbewussten unter deren Lesern ist das eine Provokation. Doch die Entscheider bei SZ, Spiegel online und Co. können nicht anders. Sie müssen über die Handy-Thematik berichten; alles andere wäre unjournalistisch. Wirklich glücklich dürften sie dabei, anders als der entspannt zurückgelehnte Diekmann, aber nicht sein. Und der auch zu lesende Vorwurf, er selber lasse es an Etikette mangeln, dürfte kaum jemanden weniger schockieren als den Chefredakteur der Bild.
Christian Wulffs Handy-Ansage geschah am 12. Dezember. Publik wurde sie aber …
17.10.2011 09:41
Deutschland Deine Trolle (8)
Trolle und Trollfrauen sind oft schadenbringende Geisterwesen in Riesen- oder Zwergen-Gestalt. Angeblich kommen sie besonders häufig in Island vor. Unsere Zeitschrift Neugier.de, die wir in Island produziert haben, erscheint in diesen Tagen mit einer Ausgabe „Made in Iceland“. Unsere isländischen Freunde, genervt vom Troll-Kult, rangen uns jedoch ein Versprechen ab: Nichts über Trolle! Gemeint waren natürlich isländische Trolle. Wir fanden deshalb einen salomonischen Ausweg: Eine erlesene Kollektion deutscher Trolle. Wir baten Freunde und Autoren der Achse des Guten um kurze Portraits ihrer heimischen Lieblingstrolle. Heute beschreibt Alexander Gutzmer seinen Favoriten:
Wolfgang Grupp
Der Chef des Textilunternehmens Trigema erzählt seit Jahren die immer selbe Laier: Produziert nur in Deutschland, der Firmenchef als gütiger Patriarch …Das alles stets wohlgebräunt und sehr von der eigenen Wichtigkeit überzeugt. Praktischerweise hat Grupp auch schon sein Trollstammland gefunden: das offentlichrechtliche Fernsehen. Die dort versammelte …
21.09.2011 09:45
HSVFDP
Ein großer Fan des Hamburger Sportvereins ist der prominenteste Bademandelträger des Landes, Dittsche. Dessen Lieblingssatz lautet: „Das kann doch kein Zufall sein.“ Sehr passen würde dieser Satz momentan bezogen auf die Parteizugehörigkeit des HSV-Vorstandschefs Carl-Edgar Jarchow. Jarchow sitzt nämlich für die FDP in der Hamburger Bürgerschaft.
FDP und HSV, das ist momentan Deutschlands ungleiches Krisenpärchen. Hier der seit Monaten hilflos dahintrudelnde Krisenclub, da die ebenso orientierungslose Partei. Beide reiben sich seit Monaten am Thema „Personal“ auf, ohne den Eindruck zu erwecken, es stecke irgendeine Strategie hinter den diversen Rochaden. Der neue Parteichef der FDP vermittelt nicht den Eindruck, aufgrund inhaltlicher Überzeugungen das Amt auszufüllen. Auch auf Landesebene (siehe Berlin) sind nicht Leute in Entscheiderpositionen, weil sie für bestimmte Inhalte stehen. Vielmehr sitzen da inhaltsneutrale Politverwalter, die sich vor Wahlen spontan fragen, was man denn jetzt mal fordern könnte, um noch ein paar Promillepünktchen mehr zu ergattern – siehe …
19.08.2011 09:15
Es gibt keine Schirrmacher-Debatte
Ich sag es ja nicht gerne, aber: Frank Schirrmacher hat recht. Er hat recht, wenn er konstatiert, jene Kreise, die er selber für konservativ hält, seien sich mit Menschen, die sich als links bezeichnen, im großen und ganzen einig. Nur: Das ist überhaupt nicht neu, weshalb es eigentlich auch keine Schirrmacher-Debatte gibt. Der (teils auch in Medien wie der FAZ verankerte) deutsche Konservatismus hatte mit (wirtschafts-)liberalem Denken nie viel gemein. Global agierende Banker waren deutschen Bürgern schon immer suspekt. Stattdessen glaubten sie an das Bild des „guten Unternehmers“, verkörpert von Leuten wie Wolfgang „Ichbinburladingen“ Grupp. In Deutschland konservativ sein heißt, sich eine vorglobalisierte Welt ohne dauernervöse und unverständliche Finanzmärkte herbeiwünschen. In diesem Sinne konservativ ist der klassische FAZ-Leser ebenso wie der Wähler der Partei namens „die Linke“. Was uns wieder zu einer Folgerung bringt, die eigentlich lange formuliert ist, die der politische Diskurs aber immer mal wieder vergisst: Die Aufteilung …
25.07.2011 12:04
Der Attentäter als Möchtegern-Medienkritiker
Die Horrortat von Anders B. Breivik – ein warum, viele Antworten. Thomas Steinfeld verweist in der SZ zurecht darauf, dass der einfache Schluss, Breivik müsse wahnsinnig sein, allein nicht ausreicht. Geht man einen Schritt weiter, ist schnell die Erklärung geliefert, eine auf Aversionen bauende Ideologie tendiere immer ins Extreme und damit zum Massenmord. Wer so argumentiert, versucht, der Tat mit den Mitteln der Ideologiekritik beizukommen. Das ist legitim, blendet aber einen anderen verqueren Mechanismus in Breiviks Denken aus: den Versuch, sich der Strukturen der Mediengesellschaft zu bedienen, und eine tief verankerte mediale Paranoia.
Breivik und andere Attentäter von rechts und links begründen ihre Aktionen mit Argumenten aus der Welt der Öffentlichkeitsarbeit. Man wolle „aufmerksam machen“, die Menschen „wachrütteln“, eine „Botschaft senden“. Er sieht sich als Verkünder einer Message, welche „die Medien“ nicht zulassen. Auch sein im Internet kursierendes 1500-Seiten-Manifest beginnt mit einer Schelte der „MSM“ (Mainstream-Media). Hier liegt …
20.07.2011 17:43
Neues Opium fürs Volk
Welch eine schöne Geschichte: Eine Reihe edler Wilder („die Menschen“) wird von einer finsteren Macht unterjocht und manipuliert („die Kapitalisten“). Hauptwaffe der Manipulation sind Bilder großer, böser Ungeheuer, die die Kapitalisten vor sich her tragen („die Märkte“). Aber irgendwann durchschauen die Wilden die Trickserei. Dann werfen sie die Fesseln ab, entmündigen die Bösewichter, und ein neues, ehrliches, goldenes Zeitalter bricht an.
In genau dieser Phase stecken wir gerade – zumindest wenn man Politikern und Kommentatoren glauben darf. Viel wird da vom „Ende des Finanzkapitalismus“ schwadroniert und davon, dass die Politik wieder den Steuerknüppel übernimmt. Das ist zwar zumal in Deutschland keine besonders neue Geschichte. Doch sie lässt sich immer wieder neu erzählen. Der Clou dabei: Der jeweilige Erzähler behauptet in seiner Einleitung mit viel Tamtam, er werde jetzt ein paar Urwahrheiten ins Wanken bringen. Dann kommen all jene kapitalismuskritischen Gemeinplätze, auf die sich ohnehin die gesamte Bevölkerung einigen …
19.07.2011 09:58
Nochmal schreiben!
Kennen Sie das Gefühl, beim Spicken erwischt zu werden? Wenn sich die kleinen feisten Schülerhände hinter dem Rücken verstecken, um die draufgeschriebenen Matheformeln nicht herzeigen zu müssen? Wenn vollgekritzelte Zettel unter dem Tisch verschwinden oder in der Hose? Klar, kennen Sie nicht – ich selbstredend auch nicht. Insofern können wir nur erahnen, welch moralische Pein anerkannte Geistesgrößen der politischen Kaste momentan empfinden, Stichwort Plagiate.
Immerhin aber: Ich weiß, wie die Pein zu lindern ist. Die Lösung liegt nicht darin, sich erst mal ins Ausland abzusetzen – Strategie Freiherr. Sie liegt auch nicht darin, die Würdelosigkeit der Schummelei durch die fortgesetzte Würdelosigkeit eines Rechsstreits noch zu steigern, wie es Silvana Koch-Mehrin gerade vorführt. Koch-Mehrins Verhalten ähnelt dem eines sehr mäßig talentierten Schülers, der seine Eltern in die Sprechstunde schickt, damit diese mit den Lehrern darum feilschen, ihm doch noch eine 4 minus zu geben. Guttenbergs Abgang ist vergleichbar mit …


