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11.04.2012 15:18
Frühlingsgefühle
Nun, da der Frühling wieder sein blaues Band durch die lauen Lüfte wehen lässt, verführt es mich, an die Dichterworte des wohl bekanntesten und beliebtesten deutschen ... Nein, ich meine nicht Günter Grass.
Kein lebender Dichter geht mir durch den Sinn, sondern einer, der nur noch in seinen Zeilen weiterlebt. Ich meine einen von jenen Schriftstellern, von denen Ulrich Schreiber – der Impressario des internationalen Literaturfestivals -, so gerne sagt, dass sie zu denen gehören, die „zu Unrecht verstorben“ sind. Ich meine Heinrich Hoffmann von Fallersleben.
Natürlich kann man bei der nach oben offenen Dichterskala nicht den Wert angeben, den jemand in Sachen Bekanntheit oder gar Beliebtheit einnimmt. Man kann auch schlecht nachprüfen, welcher der Poeten tatsächlich am häufigsten zitiert wird und wessen Verse am stärksten einen Widerhall finden in den dunklen Schluchten unserer Erinnerung. Das muss man auch nicht. Literatur ist kein Sport und braucht …
19.03.2012 09:45
Das Piraten-Paradox und das Geheimnis des zweiten Mannes
Hier kommt eine kleine Denksportaufgabe, auf die ich reingefallen bin, weil ich das Stichwort „Piraten“ aufgeschnappt hatte. Eigentlich bin ich aus dem Alter raus, dass ich mich zu Ratespielen nach dem zweiten Bier verführen lasse, doch hier hat es sich gelohnt, ich habe ein Goldstück mit nach Hause genommen und habe reingebissen: Es ist echt.
Nehmen wir an, wir haben fünf Piraten, die einen großen Schatz erbeutet haben. Pirat Nummer 1 ist der Piratenkapitän, Pirat Nummer 2 ist der Navigator, usw. – die Piraten sind hierarchisch geordnet, Pirat Nummer 5 ist der Moses. Doch auf die Hierarchie kommt es nicht an.
Piraten haben bekanntlich eigene Gesetze – sie teilen alles zu gleichen Teilen. So erzählt man es sich jedenfalls von der Piratensiedlung ‚Libertaria’ auf Madagaskar, wo alle alles brüderlich geteilt haben und wo es keine Zäune gab, dafür es gab sogar eine Art Krankenversicherung. Vermutlich handelt …
15.03.2012 11:57
Ein Manifest für den Mann?
Ein „Manifest für den Mann“ – das müsste doch was für mich sein! Noch dazu ein „notwendiges“. Die erste Forderung, die Ralf Bönt in seinem soeben erschienenen Buch aufstellt, lautet: „Wir brauchen das Recht auf ein karrierefreies Leben.“
Das passt gut zu der Hintergrundmusik, die wir gerade hören: Da singt ein großer Chor von besseren Karrierechancen für Frauen und stimmt das Lob auf die Quote an, weil sie dafür sorgt, dass in Führungspositionen nicht mehr so viele Überstunden gemacht werden. Es passt auch gut zu dem vielstimmigen Klagelied über ehrgeizige Männer, die schon deshalb keine guten Väter sein können, weil sie zu viel arbeiten.
Ein alter Hut. Schon Esther Villar hatte eine Utopie ausgemalt, in der die Arbeitszeit grundsätzlich auf 25 Stunden in der Woche begrenzt ist. Man kann verstehen, wie es zu so einer Wunschvorstellung kommt - und es verträgt …
05.03.2012 09:07
Kunst runterholen (download art): Gerhard Richter in Berlin
Zuerst hatte ich Pech. Warum musste ich es auch ausgerechnet am Tag der Eröffnung versuchen? Es war dermaßen voll, ich hätte dermaßen lange anstehen müssen, dass ich resignierte. So musste ich mich mit den Bildern begnügen, die man von außen erkennen konnte: bunte Quadrate, die wiederum in bunte Quadrate unterteilt sind. Mein erster Gedanke war, dass bei der farblichen Anordnung wahrscheinlich ein Prinzip zugrunde liegt, und ich fühlte mich herausgefordert, die Formel zu erraten, nach der die Farben angeordnet sind. War es wie beim Sudokurätsel? Wenn man da die Zahlen der Senkrechten und die der Waagerechten zusammenrechnet, ergeben sich jeweils dieselben Werte. Doch es war kalt, und ich bin, ehrlich gesagt, bekennender Sudoku-Verweigerer und kenne mich auch nicht so gut mit zeitgenössischer Kunst aus, dass ich da mit voreiligen Interpretationen auftrumpfen möchte.
Ich hatte Glück. Den nächsten Versuch (da musste ich auch nicht lange warten) unternahm ich zusammen …
04.03.2012 09:22
Deutsche Liedermacher – nimm2!
„Vitamine und Naschen“, auch als Lachgummi – „nimm2“. Wer kennt diese Werbung nicht? Da kann man getrost zwei Bonbons nehmen, egal in welcher Reihenfolge, sie sind identisch. Die beiden Liedermacher Konstantin Wecker und Hannes Wader, die Rudi Gaul in dem Dokumentarfilm ‚Wader Wecker Vaterland’ zusammen eingetütet hat, sind nicht gleich: Da gibt es ein dürres Nordlicht und einen lebensfrohen Südländer.
Nicht nur das. Sie schöpfen auch aus verschiedenen Quellen: Konstantin Wecker hat schon als Junge mit seinem Vater Opernarien gesungen und ist mit Verdi aufgewachsen. Hannes Wader hat das Crosspicking der Folkmusik importiert und einen deutschsprachigen Talking-Blues geschaffen. Die beiden sind kein Duo.
Es ist auch kein Film von einer Tournee, bei der so getan wird, als wären sie doch eins. Jedes Mal wenn da etwas Gemeinsames geprobt wird, spürt man, dass sich Hannes Wader unwohl fühlt und sich schließlich zu der Bemerkung hinreißen lässt, dass …
22.02.2012 12:08
Ansichten eines gefährlichen Clowns
„Glauben Sie’s doch einfach“, sagte sie, „einfach glauben. Sie können sich nicht vorstellen, wie der eiserne Wille, einfach etwas zu glauben, hilft.“ So heißt es bei Heinrich Böll in den ‚Ansichten eines Clowns’. Glauben muss man auch, was jüngst im Auftrag der Böll-Stiftung als „Studie“ über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ veröffentlicht wurde. Überzeugen kann es nicht. „Nagel und Schraube, Wissen und Glaube“, sagt der Volksmund. Was Hinrich Rosenbrock da zusammengenagelt hat, zeigt kein Wissen, und ist keine Wissenschaft.
Darüber müssen wir uns zum Glück nicht streiten. Es gibt Kriterien. An denen hat Michael Klein im Forum ‚Kritische Wissenschaft – critical science’ die „religiöse Schrift“ von Rosenbrock gemessen: das Ergebnis ist eindeutig. Heike Diefenbach hat sich schon bei ihren Studenten entschuldigt; die kommen sich verschaukelt vor, wenn sie bei ihr lernen müssen, wie man richtig wissenschaftlich arbeitet und wenn sie dann vorgeführt kriegen, dass es auch so geht. Jedenfalls bei …
21.02.2012 11:22
Kinder und Kleingeld
„Macht eure Kinder selber!“ So reagiert Tobias Kaufmann auf jüngste Überlegung von Unionsabgeordneten, Kinderlose in Zukunft stärker zu besteuern. Das finde ich auch: Make love! Make babys! Ich zitiere gerne noch etwas ausführlicher: „Wer erleben will, wie wunderbar es ist, demütig zu sein, unindividuell, verletzlich, der muss Kinder haben. Sie sind das Beste, was einem Menschen passieren kann. So wie das kleine Mädchen, das mich anstrahlt, mich in den Arm nimmt und ‚Mein Papi’ sagt, wenn ich nach Hause komme. “
Wer sollte das nicht wollen? „Machen Kinder glücklich?“, war die Fragestellung einer Talkshow, zu der ich mal eingeladen war - und allein schon dadurch, dass man diese Frage stellte, tat man so, als wäre die Frage berechtigt. Machen Kinder womöglich doch nicht glücklich?
Doch. Die Wertschätzung, die einem ein Kind entgegenbringt, ist sensationell. Ich habe der Kamera, neben der das kleine rote Licht aufleuchtete, erzählt, …
06.01.2012 13:24
Der zweifelhafte Gast
Früher konnte ich das auswendig. Ich habe das sehr gemocht. Ich mag immer noch die sparsamen Zeichnungen von Edward Gorey, so duster, so rätselhaft. Da klingelt es nachts an der Tür. Es ist nichts zu sehen. Dann erkennt man auf einer Urne ein fremdes Wesen, das in die Wohnung huscht und „ ... seitdem brachte niemand den Gast mehr hinaus.“ „Oftmals riß er aus Büchern die Seiten heraus oder schaffte ein wertvolles Bild aus dem Haus.“ „Jeden Sonntag versperrte er liegend den Flur und fiel allen zur Last; denn er brütete nur.“ Gut dass ich nachgeguckt habe. Ich dachte, die Nachdichtungen wären von Wolfgang Hildesheimer, sie sind aber von Fridolin Tschudi. Das habe ich verwechselt. Da hätte ich glatt einen Fehler gemacht. „Er vernarrte in Dinge sich je nach Bedarf, die er, um sie zu schützen, ins Teichwasser warf.“
Soviel vorweg. Nun die Wahrheit: Die ganze Diskussion um …


