Beiträge von Hannes Stein
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03.02.2012 14:09
Fanniegate
Wer ist nun eigentlich schuld an der Wirtschaftskrise, die uns 2008 in einen wirbelnden Mahlstrom schauen ließ, in dem der gesamte Reichtum der Welt zu verschwinden drohte, als würde er im Klo heruntergespült? Waren es ein paar Bankiers an der Wall Street, die beim Monopolyspielen ein bisschen zu heftig gewürfelt hatten? War es George Soros, der, wie ein ultrarechter amerikanischer Fernsehstar mutmaßte, einen boshaften Plan verfolgte, Amerika in den Ruin zu treiben? Steckten die Juden dahinter? Und wenn die Juden, warum dann nicht auch die Mormonen und die Radfahrer? Oder war es etwa der Kapitalismus selbst, der sich hier hektisch sein Grab schaufelte?
01.02.2012 13:35
Dreimal Kino
Drei Geschichten über den Tod: Steven Spielbergs Film über den Ersten Weltkrieg, eine “9/11"-Roman-Verfilmung, Angelina Jolies Bosnien-Drama
Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entdeckte Sigmund Freud den Gott Thanatos. In seinem Buch über die Traumdeutung, das um die Jahrhundertwende erschienen war, hatte er noch das Dogma aufgerichtet, dass Träume der Erfüllung von Wünschen dienten - immer und ohne Ausnahme. Doch nun gab es plötzlich jede Menge ehemaliger Soldaten, die immer wieder davon träumten, sie seien im Schützengraben vor Verdun verschüttet worden; und Freud ging auf, dass dies mit “Wunscherfüllung” dann wohl doch nicht erklärt werden konnte.
Die ehemaligen Soldaten träumten ganz offenkundig ein Trauma ab. Auf diesem verschlungenen Weg gelangte der Wiener Seelendoktor zu der Erkenntnis, dass im Unbewussten nicht alles Licht, Jubel, Freude und Eros ist. Es gab da, schloss er messerscharf, auch noch einen anderen Teil: einen Trieb zu Zerstörung und Selbstzerstörung, …
31.01.2012 16:20
Warum Demokratie manchmal eine eher blöde Idee ist
Vor der Demokratie zu warnen hat in der abendländischen Philosophiegeschichte eine lange Tradition. Der Historiker Polybios schrieb, dass die Demokratie eine Neigung habe, zur Ochlokratie zu verkommen, zur Herrschaft des Pöbels - in der Pöbelherrschaft aber warte immer schon ein Tyrann hinter den Kulissen, der dann im Namen des Volkes den Laden übernimmt. (Ein Beispiel für diese These, von dem Polybios allerdings noch nichts wissen konnte: Napoleon.) Immanuel Kant stand im 18. Jahrhundert mit beiden Beinen fest in dieser philosophischen Tradition. In seiner Schrift “Zum ewigen Frieden” bestimmte er, die Demokratie sei “im eigentlichen Verstande des Wortes notwendig ein Despotism, weil sie eine exekutive Gewalt gründet, da alle über und allenfalls auch wider Einen (der also nicht mit einstimmt), mithin alle, die doch nicht alle sind, beschließen; welches ein Widerspruch des allgemeinen Willens mit sich selbst und mit der Freiheit ist.” Wir kommen noch darauf, was diese hellsichtigen Worte bedeuten. …
17.01.2012 18:36
Kipling?
Ich muss meinem Bloggerkollegen Wolfgang Röhl, dessen Eintrag über Peter Rühmkorf sehr erhellend ist, in einem Punkt widersprechen:
Mir tut es ein kleines bisschen weh, wenn der große Lyriker Rudyard Kipling (bei dem Brecht einige seiner besten Verse geklaut hat) mit Faschisten und Bolschewismusverklärern in einem Atemzug genannt wird. Ja, Kipling war für den britischen Imperialismus; gewiss doch. Aber er verstand den britischen Imperialismus als zivilisierende Mission; und er wusste wohl (das macht seine Haltung interessant), dass er für eine verlorene Sache stritt. Just davon handelt sein Gedicht ”The White Man´s Burden”, von dem die meisten Leute nur die Überschrift kennen. “The lesser breeds without the law”—eine Zeile, die oft zitiert wird, um zu beweisen, was für ein übler Rassist dieser Kipling war. Sie meint im Kontext aber die Deutschen, die im Ersten Weltkrieg völkerrechtswidrig das neutrale Belgien …
16.01.2012 02:45
“The Iron Lady”
Gerade eben habe ich im Kino „The Iron Lady“ gesehen – und bin immer noch hin und weg. Meryl Streep spielt in diesem Film Margaret Thatcher; und wenn sie für diese Leistung keinen Oscar bekommt, dann soll bitte irgendwer Hollywood zusperren und den Schlüssel wegwerfen. Mit dieser Leistung zeigt Meryl Streep exemplarisch, was den Beruf des Schauspielers ausmacht: Der Schauspieler soll uns nicht mit seinen Marotten behelligen, er möge bitte nicht in 1001 eitlen Varianten sich selbst darstellen – statt dessen soll er uns seine Rolle so überzeugend zeigen, dass er möglichst komplett hinter ihr verschwindet. Meryl Streep, die Margaret Thatcher ja nichtmal ähnlich sieht, verkörpert die ehemalige britische Premierministerin dermaßen überzeugend, dass wir über weite Strecken vergessen, wem wir da gerade zuschauen. Vielleicht ist Meryl Streep sogar eine Spur überzeugender als das Original. Auf Englisch könnte man sagen: she out-Thatchers Thatcher.
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08.01.2012 06:24
Die zweite Vertreibung aus Ägypten
Zu den wenig erzählten Geschichten aus dem Nahen Osten gehört diese: In allen arabischen Ländern gab es einst jüdische Gemeinden. In Bagdad und Tripoli, in Aleppo und Damskas, in Kairo und Alexandrien. Diese Gemeinden waren uralt—viel älter als der Islam. Im Irak etwa konnten die Juden auf eine 3000jährige Geschichte zurückblicken; der babylonische Talmud entstand im Zweistromland.
Die jüdischen Gemeinden in den arabischen Ländern wurden nach 1948 binnen weniger Jahre zerstört. Es gab nach dem ersten israelischßarabischen Krieg nicht nur eine Flüchtlingsbewegung—jene der arabischen Palästinenser, von der heute noch tout le monde redet --, sondern deren zwei. Es wird geschätzt, dass damals vielleicht eine Million arabische Juden vertrieben wurden. Die meisten von ihnen gingen ins frisch gegründete Israel, das damals ein bitterarmes Land war, ungefähr auf demselben ökonomischen Stand wie Titos Jugoslawien (übrigens auch ungefähr so sozialistisch). Sie lebten erst einmal in den berüchtigten ma´abarot (Barackenlagern, Zeltstädten) und …
05.01.2012 18:26
Gauck?
Ueber den amtierenden deutschen Bundespraesidenten kann ich von New York aus nicht mitreden. Ueber einen moeglichen Bundespraesidenten Gauck dagegen schon. Weil ich mit Juergen Fuchs befreundet war und seinen grossartigen dokumentarischen Roman „Magdalena“ gelesen habe.
03.01.2012 23:06
Muslimisches Amerika
Ein paar Fakten über amerikanische Muslime, die sowohl bei Freunden als auch bei Feinden des Islam fruchtbare Verwirrung stiften könnten.
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