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04.09.2010 10:18
Golda Meirs Plattenspieler
Der klimatisierte Überlandbus aus Jerusalem hält an der Kreuzung, um im grellen Sonnenlicht ein paar junge Soldaten ein- und aussteigen zu lassen, Waffe quer über dem Rücken, winzige iPod-Stöpsel in den Ohren. Links führt die Straße nach Megiddo, dem mythischen Harmageddon aus der Johannes-Apokalypse, rechts hinüber ins palästinensische Jenin, der einstigen Terror-Hochburg während der Zweiten Intifada. Schon zu biblischen Zeiten war die Jezreel-Ebene im Norden Israels eine umkämpfte Region, ab dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts jedoch auch ein Ort landwirtschaftlicher Kultivierung und enormen Elans: Nirgendwo sonst im Land gibt es mehr Kibbuzim und Moschavim als hier in der anscheinend allein von Staub und Wind durchzogenen Jezreel. http://www.welt.de/die-welt/kultur/literatur/article9388427/Golda-Meirs-Plattenspieler.html
31.08.2010 10:47
DDR light am Schiffbauerdamm
Wer sich nicht davon abschrecken ließ, dass eigentlich nur Unterschichtler zur Mittagsstunde Zeit finden, Fernsehen zu schauen, konnte am Montag auf „Phoenix“ eine wundersame Entdeckung machen. Denn zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung war es wieder da, jenes aus totalitärer Geisteshaltung geborene Ritual des wohligen Abstrafens. Den Anlaß gab die Präsentation von Thilo Sarrazins Buch über die blinden Flecken der hiesigen Migrations-Debatte, und auch wer beim Stichwort „Gene“ aus gutem Grunde erst einmal zusammenzuckte, hätte sich zumindest als Dialektiker so einige Gedanken machen können: Etwa über die Unsterblichkeit des Opportunismus-Gens, das sich allerdings – und das mag der historische Fortschritt sein – trotz spiegelgleicher Attitüde nicht mehr direkt auf das „gesunde Volksempfinden“ beruft, sondern es im Gegenteil abfällig kommentiert und nur bei den „Anderen“, sprich den Sarrazins, verortet.
Dabei genügte ein Blick in die pflichteifrig empörten Journalisten-Gesichter, um sich die gleichen Physiognomien auch zeitversetzt vorstellen zu können, nämlich bei …
22.07.2010 10:40
Robbie Williams und Srebrenica
Doch zurück zum sonnigen Sommer 1995. Der Berliner Senat hatte damals sogar ein Sorgentelefon für jene Jugendlichen eingerichtet, die Robbie Williams Trennung von Take That allzu sehr deprimiert hatte. Während dessen wurden in Srebrenica an einem idyllischen Juli-Tag mehr als achttausend bosnische Muslime von großserbischen Truppen ermordet - das größte Massaker in Europa nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Sorgentelefon der allzeit aufarbeitungsfreudigen Deutschen aber stand auch danach still, und Joschka Fischers damali-ge Forderung, zumindest die UN-Schutzzonen militärisch zu verteidigen, erhielt im juste milieu der Friedensbewegten eine kaltschnäuzige Abfuhr. Von den heutigen Islam-Verstehern war damals ebenfalls nichts zu vernehmen.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article8572800/Robbie-Williams-und-Srebrenica.html
20.07.2010 16:59
“Sag’s durch die Blume”
Auch Deutsche verbringen hier ziemlich gern ihren Urlaub: Nun aber sind die Herrscher über den nicht nur touristisch, sondern auch geostrategisch wichtigen Inselstaat Sri Lanka “zutiefst schockiert” vom Westen. Gerade erst nämlich hat die Europäische Union bisherige Zollvergünstigungen auf Eis gelegt, da sich das Regime in Colombo weigert, nun nach dem Ende des dreißigjährigen Bürgerkriegs zwischen Singhalesen und Tamilen die drei bereits unterschriebenen UN-Menschenrechtsabkommen umzusetzen. http://www.welt.de/die-welt/kultur/article8526742/Boese-Blumen-auf-Sri-Lanka.html
11.07.2010 20:00
Die Stimmen von Tel Aviv
Irgendjemand musste wieder einmal den Knopf gedrückt haben, dort an der kleinen, in Beton eingefassten Felsenmauer unterhalb des Sheraton. Und so erklingt plötzlich quer über die Strandpromenade von Tel Aviv Abie Nathans charismatische Stimme, untermalt vom Rauschen des Meeres: “From somewhere in the Mediterranean: The Voice of Peace, Love, Peace and Understanding ...” http://www.welt.de/die-welt/kultur/article8381855/Die-Stimmen-von-Tel-Aviv.html
27.06.2010 16:27
Die schamlose Trauer der Christa Wolf
Der Bau der Berliner Mauer: eine Herausforderung für die Loyalität der Protagonistin Rita im „Geteilten Himmel“. Das Wettrüsten der Achtzigerjahre: höchste Gefahr für den wolfschen Garten in Mecklenburg. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl: „ein Störfall“ vor allem für den Seelenfrieden der autobiografisch grundierten Erzählerin, die schließlich revoltiert. Sie wirft das Obstbesteck aus edlem Olivenholz (wahrscheinlich von vorherigen Westreisen mitgebracht) wütend durch die Küche, wobei hier der unsichtbare Adressat nicht etwa das posttotalitär-schlampige Verheimlichungsregime der Sowjetunion ist, sondern ein allgemeiner „Technik- und Machbarkeitswahn“. http://www.welt.de/debatte/kommentare/article8179846/Die-schamlose-Trauer-der-Christa-Wolf.html
12.06.2010 01:34
Schöner sterben
Es ist einer der ältesten und fragwürdigsten Intellektuellenträume: Der klugen These solle doch bitte auch die authentische Tat folgen, dem spekulativ Niedergeschriebenen die nachhaltige Verwurzelung in der Erde.In Bolivien, wo nach Willen des Präsidenten Evo Morales ein “Sozialismus des 21.Jahrhunderts” Realität werden soll, lassen sich gerade die Folgen dieser Ideologie besichtigen.Um die Diskriminierung der Indios zu beenden, hatte der Präsident verfügt, dass deren traditionelle Gerichtsbarkeit fortan neben der staatlichen Justiz Geltung haben solle. Mit Verweis auf diese “Volksgerechtigkeit” rechtfertigte man jetzt in einem abgelegenen Dörfchen die rituelle Hinrichtung von vier Polizisten, die zuerst erschlagen und dann mit dem Gesicht nach unten in der “heiligen Erde” begraben wurden.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7981827/Lehrstuecke-aus-Lateinamerika.html
07.06.2010 23:07
Ein sauberes Facebook
Haben nicht alle darauf gewartet? Endlich bekommt Facebook Konkurrenz - zumindest in Pakistan, wo ein paar junge IT-Leute aus Lahore ein bereits hochfrequentiertes “Millatfacebook” gegründet haben.Doch was wie eine smarte Innovation erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein auf unangenehme Homogenität setzendes Kampfprogramm.Facebook dulde blasphemische, den Propheten Mohammed verspottende Seiten, donnert da beispielsweise der 24-jährige Software-Entwickler Usman Zaheer - und erklärt auch gleich, was “Millatfacebook” deshalb sein möchte: ein Netzwerk von Muslimen für Muslime, in welchem gnädigerweise auch “sweet people” anderer Religionen willkommen sein sollen.
http://www.welt.de/die-welt/kultur/article7934777/Ein-sauberes-Facebook.html


