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02.02.2012 07:45
Ein Protektorat für Griechenland
Das Missverständnis beginnt damit, dass man mit Griechenland eine große Zeit verbindet. Kein Nachrichtenbild ohne Akropolis. Der Westen hält das Land nicht nur für einen Ausläufer der Antike, sondern gleich für einen Repräsentanten dieser Hochkulturphantasie. Was er sich selbst symbolisch angeeignet hat, hält er insgesamt für symbolisch transportierbar.
Griechenland aber ist nicht Griechenland. Es ist es nie gewesen. Das heutige Griechenland gibt es seit dem frühen 19. Jahrhundert und seine Traditionen beruhen auf dem Bekenntnis zur Ostkirche und zu deren politischer Ausmalung, zu Byzanz. Byzanz war, als ideeller und realer Mittelpunkt der Orthodoxie, nie an Reformen beteiligt, weder an kirchlichen noch an weltlichen.
Die zweite Prämisse für das Wesen des heutigen Griechenland stellt eine jahrhundertelange osmanische Herrschaft dar, die, ähnlich wie auf dem Balkan, mentalitätszerstörerisch wirkte, indem sie den gesamten Raum, einschließlich Griechenland, von der westlichen Entwicklung seit der Renaissance abgeschnitten hat.
Auch in …
28.01.2012 10:15
Klasse Zustand
In der Debatte um den Bundespräsidenten geht es längst nicht mehr um diesen. Es geht um die politische Klasse insgesamt. Diese Debatte war fällig, und die Sache mit dem Bundespräsidenten womöglich nur der Anlass. Gerade weil es nicht um eine bestimmte Partei geht, sondern um den ganzen Block, eignete sich der handlungspolitisch Neutrale, der Protagonist im Amt des Präsidenten, zu Vorführung.
Das verrät uns nicht zuletzt das fortwährende Anschwellen der Debatte. Indem sie vom Banalen zum Bezeichnenden kommt, sagt sie uns etwas, was wir im Übrigen bereits zu glauben wissen. Sie sagt uns, dass unser System sich in der Krise befindet, aber auch, dass diese Krise durchaus nicht in dem, was wir bisher vermutet haben, besteht. Makroökonomisch, geopolitisch. Es ist vielmehr eine Krise der menschlichen Verhaltensweisen, kurz gesagt, eine Krise des moralischen Handelns.
Das Zentrum des Problems ist, so gesehen, ein philosophisches. Und sein Dilemma besteht …
25.01.2012 19:59
Neues Deutschland, nazifrei?
Ein knappes Jahr ist es her, dass die Linke wieder einmal die Talsohle ihrer Rhetorik erreicht hatte. Zu dem Medialdesaster trug damals wesentlich Gesine Lötzsch bei, eine der beiden aktuellen Vorsitzenden der Partei. Sie hatte in einem Artikel für das pro-kommunistische Blatt „Junge Welt“ über „Wege zum Kommunismus” nachgedacht.
Sie ist nicht die einzige in der Partei, die immer noch metaphorische Morgenröte zu sehen glaubt. Unter dem Diktat der auf gehenden Sonne stehen nicht wenige Genossen, zumindest aus der so genannten Kommunistischen Plattform, der politischen Heimat einer Sahra Wagenknecht. Sie ist inzwischen stellvertretende Parteivorsitzende und Mitglied der Programmkommission.
Der Kommunismus mag ein schöner Traum für ausgebüchste Bürgersöhne und Töchter des 20. Jahrhunderts gewesen sein, für den betroffenen Rest erweckt er vor allem Erinnerungen an die Unfreiheit. Wer sich nach ihm sehnt, wird Gründe haben, vielleicht auch nur die Privilegien der Nomenklatura vermissen oder mit …
17.01.2012 06:45
Vom Denker zum Publizisten oder Aus dem intellektuellen Chorleben
Will man sich die heutigen Intellektuellen erklären, fängt man immer noch bei den Weltkriegen an. Am Beginn des Ersten, 1914, herrschte weit gehend der nationale Konsens. Nach vier Jahren Krieg aber, mit modernen Mitteln, war auch das alte Weltbild obsolet.
Über den Schützengräben wölbte sich ein neuer Gedanke des Gemeinsamen. Jenseits der triumphierenden Mächte und ihrer Richtlinien wurde angesichts des allgemeinen Ausgeliefertseins, das Menschliche wieder ins Blickfeld gerückt. Zu den nationalen Fragen kamen die sozialen, neben die Sicherheit des Nationalstaats trat die Forderung nach dem Sozialgefüge.
So konnten von neuem Kräfte und Energien der sozialen Bewegungen des 19 Jahrhunderts, die längst vergessen waren, die Kräfte von 1848, in Erscheinung treten.
Die Intellektuellen gingen auf Distanz zur ungeliebten Kriegsmacht, zum Generalstab, sie sahen sich als die Ankläger und damit als die Sprecher der Sprachlosen. Es gibt keine effektvollere, aber auch keine bequemere Denkerposition als diese. …
10.01.2012 09:38
Aus den Wulff-Lektionen
Jetzt, auch das noch: Darf die Präsidenten- Gattin Bettina Wulff Leihgaben von Luxus-Labels annehmen? Man traut seinen Augen und Ohren nicht, so umfragentauglich war ein Thema schon lange nicht mehr. Alles Kopfzerbrechen, das die Medien in der letzten Zeit aufzubieten hatten, ob nun Finanzkrise oder Euro- Kurs, Anarchie der Märkte oder Interventionspathos, es ging nichts ohne Fachwort und Fachsimpelei.
Mit dem Kredit-Skandal im Haus Wulff kam die Finanzdebatte zu ihrem menschlichen Antlitz. Seither kann der Bürger in der Fußgängerzone wieder arglos mitreden. Er kann seine Meinung in der Sache äußern, ohne sich als Dilettant aufführen zu müssen.
Damit wurden alle Aspekte des Themas plötzlich moralisch beschreibbar und jede Ansicht dazu war ebenso zu begründen. Das aber kann zu allem und nichts führen, spätestens dann,, wenn es heißt: Brauchen wir überhaupt einen Bundespräsidenten?
Das ist nämlich eine ganz und gar überflüssige Frage, sie hat einzig …
27.12.2011 18:18
Vom “deutschen” Europa und europäischen Ängsten
1990, als ich für ein Jahr in Rom lebte, fuhren dort noch die geschichtslädierten Kinobusse aus den Fünfzigern. Bei jeder noch so bescheidenen Haltestelle konnte Anna Magnani zusteigen. Was für eine Selbsttäuschungsgelegenheit! Die Plätze um Roma Termini herum waren wie von der Cinecitta eingerichtet. Auf den Tischen der Straßenverkäufer lag die Pornographie der Saison neben den ewigen Lachnummern der Duce-Reden. Die Türen an den Kiosken waren winzig und aus Pappe. Mittags verloren die Läden ohnehin ihre Schatten.
Weltuntergang
Wer wird schon an einem solchen Ort nach der Antike suchen wollen, dachte ich mir damals. Die unter entsprechendem Verdacht stehenden Deutschen aber hatten sich längst unter die Touristen gemischt. Diesmal fielen sie auf, weil sie die Kirchen in der Reihenfolge der einschlägigen Liste der römischen Tourismusämter betraten und anschließend ihre Briefmarken auf der Vatikanpost kauften. Es gehörte zu den Faustregeln der Italienreise, die Postkarten bei der Vatikanpost …
20.12.2011 18:12
Wulffs Generation Zweites Glück
Eigentlich ist er der Grüßonkel der Republik. Keiner hat weniger Macht im Staate, heißt es. Und doch empfängt er die Mächtigen der Welt, und sie empfangen ihn. Die Republik schmückt sich gerne mit dem abwählbaren Monarchen an ihrer Spitze. Das ist nicht nur in Deutschland so, aber so deutlich wie in Deutschland ist es nirgends. Es ist als rufe einer stets dazwischen. Es ist, als rufe er: Nie wieder Hindenburg!
Damit hätten wir ein weiteres Mal den Abgrund der deutschen Geschichte erreicht, aber dort wollten wir gar nicht erst hin. Wir wollten bloß über den Bundespräsidenten sprechen, und zwar über sein Amt, dass die Verfassung für Repräsentationsaufgaben vorgesehen hat. Es ist aber dann doch nicht allein die Repräsentation, die seine Rolle ausmacht. Es geht manchmal auch um seine Unterschrift. Er hat die Gesetze zu unterschreiben, die ihm vorgelegt werden, damit sie in Kraft treten können. Er kann vielleicht …
09.12.2011 11:37
Bionade im Flachmann? Europa unterm Strich
Ist eine Epoche zu Ende, ist unter Umständen auch ihr Regelwerk Geschichte. Man kann zwar weiterhin auf der Stelle treten, aber die Stelle wird plötzlich woanders sein. Deutschland ist nicht mehr der Zwerg mit der Wirtschaftswundertüte. Der nationalsozialistische Furor ist historisiert, dagegen spricht nichts, auch nicht das Morden einiger extremistisch drapierter Verbrecher aus Zwickau.
Deutschland ist nicht Zwickau, aber Zwickau ist auch nicht der Ort, der dem oben genannten Trio und dem ihm verwandten Gesindel gehören würde. Der Osten Deutschlands ist nicht allein der braune Sumpf, den uns das Anschauungsmaterial des Empörungsjournalismus nahelegt, er ist auch der Ort einer vorbildlichen Verabschiedung von der sozialistischen Realmisere.
Die Leistungen, die in Ostdeutschland in den letzten zwei Jahrzehnten erbracht wurden, sind für jeden, der offenen Auges durch die Landschaft zu gehen versteht, in beeindruckender Weise erkennbar. Rufen wir uns mal das Bitterfeld der Achtzigerjahre in Erinnerung und vergleichen wir …


