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02.05.2012   14:01

Silvis Culture Club (3)

Voller Saal im Jüdischen Museum in Berlin. Draußen immer mal wieder Polizeisirenen, es ist Walpurgisnacht, da gehen nette Menschen gern zum Tanzen aus und Idioten zum Randalieren. Friedliche, prächtige Stimmung im Museum. Viele Lacher. Ein Buchtitel, der provoziert: „Vergesst Auschwitz!“ Henryk M. Broders neuestes Buch, binnen weniger Wochen zum Bestseller avanciert. Darf der Mann das? Und verkauft er jetzt dank der Grass-Diskussion noch mehr Bücher? Darf das sein?

Es muss so sein. Der Aufruhr um das Grass-Gedicht ist zusätzliche Werbung, „Vergesst Auschwitz!“ wird bereits in der zweiten Auflage (Verlag Knaus, 176 S., 16,99 Euro, eBook 13,99 Euro) verkauft, dumm gelaufen für den Nobelpreisträger. Broder bringt’s auf den Punkt: „Grass ist gleich Deutschland, seine Bio ist unsere Bio, er ist wir, wir sind er. Grass ist der neue Erlöser.“ Der Autor las, das Publikum lachte, Malte Lehming vom Tagesspiegel stellte kluge Fragen. Wie definiert man einen Antisemiten? Henryk M. …

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18.04.2012   15:16

Silvis Culture Club: Tee in Teheran

Teheran, 4. Mai 2015. Günter Grass sitzt in seinem riesigen Garten, zieht genüsslich an seiner Pfeife und genießt den Mai und sein freiwillig gewähltes Leben im Exil. Ihm zu Füßen lagern drei Hunde, vor denen er sich fürchtet, weil sie so groß sind, aber er kann sie nicht weiterschenken, denn sie sind Gaben von Mahmud Ahmadinedschad, den er nach einigen geselligen Abenden Mahmud nennen darf. Die BILD-Zeitung nennt den Mann traditionell den „Irren von Teheran“, Günter Grass hingegen weiß, was sich gehört und denkt das nicht einmal. Gern sitzt er in seinem Garten und genießt sein Beleidigtsein, denn er ist im Recht und es tut gut, beleidigt zu sein, wenn man ungerecht behandelt wurde.

Das mit der „letzten Tinte“ war natürlich Quatsch, als Willkommensgeschenk hat der Iranische Verein zur Rettung international verfolgter Dichter e.V. Günter Grass ein riesiges Tintenfass geschenkt. Nun kann er wieder schreiben, der Gute. Der …

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11.04.2012   15:01

Dagi & die Warner Brother

Hollywood liegt derzeit schräg gegenüber vom Café Hawelka, man muss sich nur entscheiden, ob man vor dem Museumsbesuch oder hinterher auf einen Kaffee geht. In Wien kann man natürlich auch vorher und hinterher auf einen Kaffee gehen, dafür haben die Menschen Verständnis. Im Jüdischen Museum im Palais Eskeles, kürzlich wunderbar restauriert, ist bis zum 1. Mai eine wunderbare, kleine und feine Ausstellung zu sehen: „Bigger than life – 100 Jahre Hollywood.“ Wer hat Hollywood erfunden? Hier gibt es die Antwort. Es waren jüdische Einwanderer. Warner Bros. zum Beispiel – den Schriftzug hat man schon hunderte Mal in einem Filmabspann gesehen. Jack, Samuel, Harry und Albert Warner waren Menschen mit, wie man heute ein wenig gekünstelt sagen würde, „Migrationshintergrund“. Doch statt zu jammern, überredeten sie ihren Vater, der im Liefergewerbe arbeitete, sein Pferd und eine goldene Uhr zu versetzen, um mit dem Geld einen Filmprojektor namens „Edison-Kinetoskop“ zu kaufen.

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27.02.2012   11:32

O, Du mein Österreich!

Österreich will schuldenfrei werden. Mein Heimatland plant, bis 2016 27 Milliarden Euro sparen. Das ist erstaunlich. Österreich war noch nie schuldenfrei! Woher kommt diese neue Sparsamkeit? Seit wann sind wir Streber? Wen wollen wir damit beeindrucken? Die Zahlen sind eindrucksvoll, aber sind sie auch realistisch? Das Sparpaket der SPÖ-ÖVP-Koalition sieht vor, dass rund sieben Milliarden Euro durch höhere oder neue (hurra!  - das freut das Volk!) Steuern eingenommen werden sollen. Die übrigen 70 Prozent sollen durch Kürzungen, zum Beispiel im öffentlichen Dienst oder bei Renten, eingespart werden. Die große Koalition plant auch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer, die 500 Millionen Euro einbringen soll. Nach Abschluss aller Sparmaßnahmen soll das Haushaltsdefizit dann den Maastricht-Kriterien entsprechen.

Um es mit den Worten des künftigen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck zu sagen: „Ich bin überwältigt!“ Und neugierig auf die neuen Steuern. Ich finde, dass Politiker sich bei der Auswahl ein bisschen kreativ zeigen dürfen, …

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06.02.2012   22:37

Jammern ist geil!

Die Menschen in der Werbebranche jammern. Das gab’s noch nie und deshalb muss man genauer hinsehen. Die Welt ist schön, die neue Milch ein Wahnsinn, wer das neue Auto nicht kauft, ein Idiot und wer noch nie die neue Apfelsorte aus Timbuktu probiert hat, ein Depp. Kein Wunder, dass es lange Zeit als cool galt, in dieser Branche zu arbeiten. Doch nun dies: Die Werber finden, so verkündeten sie gerade öffentlich, keinen Nachwuchs mehr. Niemand mehr da, der sinnlos Quatsch-Werbesprüche erfinden will, die hinterher mangels intelligenter Konkurrenz auch noch ausgezeichnet werden?! Niemand mehr da, der nachts in der Bar mit seinem coolen Job prahlen mag?! Die Aussicht, mit einem blöden Spruch berühmt zu werden – zählt das alles plötzlich nichts mehr? Was sagen die Kokain-Hersteller? Okay, das nehme ich zurück, das ist natürlich nur ein Klischee.

Zehntausende frei Stellen sind angeblich zu besetzen. Aber die jungen Leute, die …

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29.01.2012   15:01

Voll krass, das mit den Zahlen!

Dialog zwischen Teenies beim Warten auf die Berliner S-Bahn (es gibt derzeit viele Dialoge, denn man wartet häufig, weil die S-Bahn oft ausfällt):
Teenie 1: „Ey Alter, wie viel sind drei Prozent von 6000 Euro?“
Teenie 2: „Tausend Euro!“
Teenies 1-4 lachen. Einer sagt: „Du bist voll blöd, Mann!“
Teenie 1: „Rechne doch noch mal nach, ist ganz einfach.“
Teenie 2: „Ist voll schwierig. Also nochmal. 500 Euro?“
Teenie 1: „Nein. Also, du nimmst die 6000, durch 100 und dann mal drei.“
Teenie 2: „Wie viel ist das dann?“

Dialog zwei. Mutter und Sohn fahren S-Bahn und üben Rechnen, der Sohn ist sieben Jahre alt.
Mutter: „Wie viel ist 9 durch 1?“
Sohn (wie aus der Pistole geschossen): „81!“
Mutter: „Bist du sicher?“
Sohn: „Ich glaube, …

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19.01.2012   05:48

Eine Seefahrt, die ist lustig…

…und zwar genauso lange, bis es ernst wird. Dann sind gute Nerven gefragt. Leider haben die meisten Menschen keine guten Nerven, wie und woher auch, das Leben ist anstrengend. Deshalb wird es auch immer Unglücke wie in Italien geben. Den Kapitän würde ich samt seinem Handy in einem Rettungsboot 100 Kilometer vor der Küste aussetzen. Ein echter Seebär überlebt das. Und falls nicht, sagen wir einfach: „Irgendwas ist schiefgelaufen“ – mit diesem Satz nämlich rechtfertigt sich der sogenannte Kapitän der „Costa Concordia“, der angeblich irrtümlich in eines der ersten Rettungsboote „gefallen“ ist, weshalb er seinen Auftrag, im Notfall als Letzter von Bord zu gehen, leider nicht ausführen konnte.

Eine Seefahrt ist lustig, aber eben auch grundsätzlich gefährlich. Bunte Prospekte und fröhliche Bücher täuschen darüber hinweg, dass ein Schiff, so lange in den Weltmeeren keine Schienen verlegt werden, naturgemäß eben auch untergehen kann und so hat sich die einst …

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18.01.2012   06:56

Freakshow, 2. Teil

Die Erde ist ein guter Planet, er ist voller bunter Blumen, warm und schön und beseelt von verständnisvollen, lebensbejahenden, innovativen Lebewesen. Alle haben alle lieb, nur manchmal fallen einige durch den Kuschel-Rost, aber das sind Kollateralschäden, für die wir alle ein wenig Verständnis aufbringen sollten. Hier ist der Beweis: Anatolij M. hatte 29 Frauenleichen in seiner Wohnung, als ihn die Polizei festnahm. Ich schreibe diese Geschichte übrigens nur auf, weil meine Freakshow-Geschichte auf www.achgut.com so viel positive, unterstützende Anteilnahme fand. Viele Leser schrieben mir, dass die Welt unerfreulicher weise voller geistig und körperlich ungewaschener Menschen sei und schilderten mir ihre Erlebnisse. Das hat mir Mut gemacht, Freakshow, Teil 2, aufzuschreiben.

Anatolij ist zwar, so meine Ferndiagnose, geistig krank, aber auch er findet natürlich gute Gutmenschen, die das alles nicht so schlimm fanden, denn schließlich hat er die Leichen, die er wie Puppen zurechtmachte, nicht in ihrer Wohnung aufs …

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